20 Jahre Torfkurier, der Film






Komplimente

Das Unvermögen, Schönes auszuhalten.

Von Götz Paschen

Fotos: Jürgen Nießen/pixelio.de und Helene Souza/pixelio.de

‚Schätzchen oder Willi, einfach mal die Fresse halten.‘ Das ist einer der Sätze, die mir dann einfallen. Die Situation: Sie stehen irgendwo rum mit anderen. Nichts Ernstes, lockere oder beiläufige Atmosphäre. Und Ihnen fällt auf: Dass einer gut oder schick aussieht. Dass einer ordentliche Arbeit abgeliefert hat. Dass jemand sportlich oder sonst wie gut drauf ist. Sie sagen dann: ‚Du siehst aber gut aus, heute.‘ Oder: ‚Sauber abgeliefert.‘ Oder: ‚Respekt, gute Leistung.‘ Und die Aufgabe des anderen ist: Freuen, nichts sagen, lächeln. Oder: Lächeln und ‚Danke.‘ sagen. Oder: Verlegen werden und in sich rein freuen. Je nach Typ und Thema.

Aushalten
Aber was machen die Idioten. Die geben vollständige Antworten wie: ‚Weiß ich.‘ Oder: ‚Von nichts kommt nichts.‘ Oder: ‚Kann nicht jeder.‘ Und unterstreichen damit noch einmal selber ihre Heldentat. Wischen aber gleichzeitig Ihr Kompliment weg. Der moderne Mensch hat nicht nur mit Kritik Schwierigkeiten, sondern auch mit Komplimenten. Und bis Sie erstmal wissen, bei wem es sich lohnt, doch nicht aufzugeben und bei wem nicht, ist das halbe Leben rum. Obendrein lernt man zu allem Unglück ja auch noch dauernd neue Leute kennen. Die müssen Sie dann alle neu ausprobieren. Oder Sie gewöhnen sich das mit den Komplimenten ab. So können Sie das Thema auch vollumfänglich klären.

Charakter
Echten Charakter zeichnen Stärken und Schwächen aus. Und echter Charakter scheut nicht davor, sich zu zeigen. Wie er ist. Vollständig. ‚Schneid‘ hatte man früher. Heute heißt das ‚Profil‘. Und Profil gibt es online. Lang und schmutzig. Da können Sie nur ‚liken‘. Kritik ist nicht gefragt. Und wenn bei Ihnen etwas ‚geliked‘ wurde, können Sie das dann auch ‚thanken‘? Ich glaube meine sämtlichen Groß- und Urgroßeltern würden sich im Grabe umdrehen einem Perpetuum mobile gleich um die eigene Längsachse endlos rotierend, wenn ich Ihnen so eine gequirlte Scheiße erzählen würde: Also das, was heute Kommunikationsstandards darstellt. Das ist doch Kinderkram.

Training
Zurück zum Kompliment: Sie stellen sich vor den Spiegel und üben morgens nach dem Rasieren oder Schminken. – Oder nach beidem. Inzwischen ist das ja nicht mehr geschlechtsklar zugeordnet. Also egal … – morgens üben Sie am Spiegel 15 Sekunden lang zu erröten. Ohne Luft anzuhalten. So aus innerer Freude heraus. Und dann trainieren Sie ein ‚Danke‘ an Ihr Spiegelbild. Damit das nachher in freier Wildbahn auch möglichst den Weg über Ihre Lippen findet. Freundlich zu grüßen, wäre danach auch eine dritte gute Übung … Also Komplimente auszuhalten ist Übung eins. Und Komplimente auszusprechen ist die zweite Spiegelübung.

Kritik
Sie haben nach diesen Übungen noch Reserven? Und wollen noch weiter einer weichgespülten Welt ohne Kontakt, Berührung und Kontroverse entfliehen? Nachdem Sie ja nun in der Lage sind, Menschen wohlwollend auf ihre Stärken anzusprechen, ist es doch ein Leichtes, das auch bei den Schwächen zu machen. Wenn sich einer nach einem solchen Gespräch bei Ihnen bedankt. Den können Sie sich merken. Der hat Volumen. - So, und wie übt man Kritik? Klar und wohlwollend. Das ist Regel eins. Die zweite lautet: Kompliment und Kritik sollten ausgewogen sein. Was heißt das? 1 zu 1 oder 3 zu 1? Hier hilft ein:

Neuer Blick
Vielleicht funktioniert eine veränderte Wahrnehmung der Realität. (Kinderspiel!) Grundsätzlich stärkt es eigene Ressourcen, den Fokus auf Erfolgen, Schönem und Beglückendem zu haben. Wer immer nur das Desaster in seinem Leben sieht, wird stets darauf zusteuern. Die Realität folgt der Wahrnehmung. Wenn Sie also schon im eigenen Interesse Ihre Wahrnehmung für das schärfen, was Sie dankbar macht. Dann fällt Ihnen das sicherlich nachher auch bei Ihrer Umwelt leichter. Insofern werden die Komplimente auch überwiegen.

Torftipp: Unrasiert oder nicht – täglich 15 Sekunden Spiegelübung.