20 Jahre Torfkurier, der Film






Kino ohne Film

Puffmais mampfen, Sessel fläzen und entspannen.


Von Götz Paschen

Stellt sich dieser Hornochse vorne vor die Leinwand und erzählt uns seine dämliche Lebensgeschichte, mitten in den Film rein. Sie steht heulend am Rand. - Erst war es nur ein Flüstern. Da sagt ja keiner was. Aber dann wurde es lauter. Und das Geheule kam dazu. Dabei gab es in dem Film noch überhaupt nichts zu heulen. Es war zwar eine Liebesschnulze, aber beim Heulen waren die noch gar nicht. Aber die Ische da vorne im Parkett heulte schon jetzt. “Ruhe!”, raunzten die ersten. Aber die beiden wollten gar nicht aufhören. Reden, heulen ... Kein Schwein kann sich so auf einen Film konzentrieren. Es ging da um irgendwas mit einem Anwalt. Der Mann hatte Geld hinterzogen. Kriegte nichts gebacken, war aber sehr leidenschaftlich und einfühlsam. Und sie wollte ihn mit dem Anwalt aus der Scheiße rausholen. Der, so ein ganz Seriöser, verliebt sich in die Frau von dem Mann. Und sie muss sich zwischen Ehe mit Leidenschaft und Sicherheit und Neubeginn entscheiden und ist hin- und hergerissen. Wir gucken uns ganz gerne den Scheiß anderer Leute an. Deswegen gehen wir ja auch ins Kino. Und das Geheule wird immer lauter, statt dass es aufhört. Dabei fing alles ganz normal an.

Aufraffen
Wie oft gehen Sie ins Kino? Viel zu selten. Nicht daheim vor dem Fernseher hängen bleiben. “Komm Uschi, wir gehen ins Kino. Mal was Besonderes machen.” Uschi: “Nä, die Kinder. Und müde ...” Die alte Leier. Ich habe sie überredet, der Nachbarin Bescheid gesagt wegen der Kinder. Und wir sind los. Vorher Burger King, bei Rot über die Ampel, laut Musik im Auto, bei der Werbung rumgeknutscht - wie früher. Und dann dieses Theater im Kino, während wir den Film genießen wollten. Ich denke, dem hau ich in die Fresse. Uschi: “Lass ihn doch.” Das war dann auch wie Kino im Kino. Auf seinem Gesicht dieses Flackerlicht vom Film. Da macht der Vorführer schon den Ton aus. Und der da vorne heult uns sein Beziehungsdrama entgegen.

Das Drama
“Ihr guckt euch eine unglückliche Liebesgeschichte an und habt doch selber nichts Besseres laufen. Da könnt ihr euch doch gleich zusammen vor den Spiegel stellen und drauflos jammern und die acht Euro sparen.” “Komm jetzt, Theo,” sagt seine Frau vom Rand aus. Und der: “Lass mich Inge. Die können ruhig wissen, wie Scheiße so eine ganz normale Ehe nach sieben Jahren aussehen kann.” Inzwischen hat der Vorführer auch den Film gestoppt. So ein Sicherheitsvogel im kurzen T-Shirt mit dicken Armen will den jetzt vor der Leinwand wegholen. “Lass ihn doch,” brüllen die ersten. Das hier gefällt ihnen wohl auch. “Und sie hat vier Wochen vor unserer Hochzeit auf einer Party sturzbesoffen mit meinem besten Freund rumgeknutscht. Fast aufgefressen hätten die sich. Auf solche Leidenschaft warte ich bis heute.” “Und du bist dann mit meiner Schwester ins Bett gegangen. Ist das besser?” Ganz großes Kino. Die Zuschauer sind bestürzt bis amüsiert. Theo: “Wir haben dann trotzdem geheiratet und uns das aber bis heute nicht verziehen.” “Du hast dich ja auch nie entschuldigt”, flüstert Inge vom Rand aus. - “Lauter!” “Das hab ich nicht verstanden.” “Geh doch auch vor die Leinwand. Wir hören nichts.” - Wenn schon kein Kino, dann aber doch das volle Programm. “Er hat sich nicht entschuldigt, hat sie gesagt.” “Ja wofür auch! Sie hat doch angefangen.” Das Publikum macht mit. Melodram mit Publikumskommentar. Ein ganz neues Genre. Mir wird das hier zu doof. “Komm Uschi, wir gehen jetzt.” Uschi: “Ich find’s spannend.” Ich habe auch mal im Urlaub an Uschis Schwester rumgefingert. Und unser Ansgar war gerade aus den Windeln raus. Nach dem Urlaub hatte Uschi was mit einem Tennisfreund. Ich weiß bis heute nicht, wie weit das ging.

Höhepunkte
“Das ist doch scheißegal, wer angefangen hat”, brüllt einer aus dem Publikum. Uschi steht auf und ruft: “Mir ist das mit meinem Mann auch schon passiert. Und das belastet eine Ehe, wenn man das nicht ausgeräumt kriegt. Aber er will nie drüber reden.” Na Glückwunsch, grandiose Veranstaltung. Wären wir mal bei Burger King geblieben. Oder die Bullen hätten uns an der roten Ampel einkassiert. So eine gequirlte Scheiße. Und ich habe im Halbdunkeln oben einen aus unserer Personalabteilung gesehen. “Uschi, halt die Fresse, oder willst du nicht gleich nach vorne vor die Leinwand gehen”, zische ich. “Mach ich auch, du Blödmann”, rotzt Uschi mich an und geht nach vorne. - Zwei Stunden Beziehungsdramen vor der Leinwand. Aus den Nachbarsälen kamen sie auch rein. Knallvoll die Bude. Um 24 Uhr wurde abgebrochen. Der Veranstalter wollte das jetzt wöchentlich anbieten: Kino ohne Film. Uschi will wieder hin. Ich soll mit.