20 Jahre Torfkurier, der Film






Kalkbrenner

Öfter mal wen mitnehmen.

Von Götz Paschen

Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

„Kalkbrenner“, sagt er zu mir. Nachdem er sitzt und wir losfahren. - Die Frage der aktiven Lebensphase ist: Was ist wichtig und was ist egal? Wo werde ich gebraucht? Und wo ist es sinnvoll, sich auf diese Anforderung einzulassen? - Fußgänger auf offener Landstraße sind manchmal Spaziergänger. Und manchmal sind es Leute, die den Weg vor sich haben und weder Auto, Fahrrad, noch Bus, aber Zeit. Die kann man mitnehmen. Unrealistisch ist die Erwartungshaltung, die würden einen berauben oder vergewaltigen. Die meisten Menschen wollen da sein oder vernünftig weiterkommen. Fußgänger kann man mitnehmen. Die haben dann immer noch den Rückweg. Gesten machen das Leben warm.

Musik
Ich habe vergessen, von wem die CD ist. Elektrokram und ich komme nicht auf den Namen. „Kalkbrenner“, meint er und wie er die Musik findet. Aber warum er im Wohnwagen wohnt und nur pro forma eine Briefkastenmeldeadresse hat? Dafür reicht die Zeit nicht. Wir sind am Rewe und er will raus. Junger Kerl, wach, höfliche Umgangsformen, ordentlich gekleidet – aber gefühlt nicht dort, wo man ihn als Sohn gern hätte. Vielleicht macht er auch alles richtig: Dauercamping als Lebensziel. Zeit zum Gehen. Völlig gleichwertiges Lebenskonzept. Keine Hetze. Mein Haus, mein Auto, meine Familie – wer hat uns das diktiert?

Mentoren
Freie Auswahl ist entscheidend. Und dann daraus machen, was man will. Wenn wirklich alle mitmachen wollen bei dem Spiel ‚Haus – Auto – Familie‘, brauchen sie Vorbilder. Leute, die ihnen zeigen, wie man sich verhält, dass man an den Napf kommt und nicht an die Stütze. Menschen, die uns ins Leben führen, während wir jung sind. Die nachgelagerten Orientierungsfiguren hinter den Eltern oder parallel dazu. Oder gemeinsames Lernen: Jemanden kennen lernen, der mit drei Wasserflaschen in der Hand ohne Rucksack einen Fußmarsch von zweimal vier Kilometern zum Supermarkt macht. Zeitluxus. Nicht durchgetaktet auf dem Weg zum Kunden beim Dorfladen der Fünf-Minuten-Zwischenstopp mit vier Kisten im Wagen. Manchmal ist die Frage: Wer lernt mehr von wem?

Seminar
Jeder kann was! Vielleicht lasse ich mich demnächst mal mitnehmen auf einen Rewe-Fußmarsch und entdecke verlorene Zeitqualitäten wieder. Da muss ich nicht in die Pfalz ins Kloster für teuer Geld eine Woche schweigen. Die Wahrheiten liegen direkt vor einem auf der Straße. Jeder weiß was, aber Sie müssen ihn kennen lernen. (Also Fußgänger mitnehmen.) Ich kann auch was: Ich würde gern einmal das Seminar anbieten ‚Extensive Naturgartenbewirtschaftung‘. Ziergarten. Das ist auch so eine Anforderung, die Sie überprüfen sollten. Mein zweistündiges Seminar ‚extensive Naturgartenbewirtschaftung‘ würde aus einer Teerunde am Gartentisch und Nichtstun bestehen. Zwei könnten sich auch in die Hängematte legen. Überall Arbeit. Der Rasen hüfthoch. Die Sträucher nicht geschnitten. Der olle Reisighaufen liegt seit drei Jahren vorne und soll hinters Haus. Nichts in Reih und Glied. Und ich habe immer Zeit. Hinsetzen, genießen, nichts tun. Alles wachsen und ins Kraut schießen lassen, wie es dem lieben Gott gefällt. Urwald ohne Weitblick.

Irritation
Und meine verdutzten Seminarteilnehmer wollen was Reelles haben für ihre zehn Euro, kriegen aber nur einen Tee. Und dazu ein Gespräch über Sinn und Unsinn von überflüssiger Anforderung. – Es war auch mal eine Delegation Afrikaner hier in Deutschland, die über ‚Gemeinschaft und Langsamkeit‘ referiert hat. Das nannten die ‚Entwicklungshilfe‘, die sie in Deutschland leisten wollten. Ich finde den Ansatz großartig, war aber leider nicht beim Referat.

Die beiden
Oder die beiden aus der Wohngruppe, die ich auf der Landstraße eingesammelt habe. Wollen einen kleinen Ausflug machen. Hin und her insgesamt über 20 Kilometer, aber die Männer sehen nicht wirklich sportlich aus, also gar nicht. Und dann rechts auf einer Tempo-100-Landstraße. Nachher regnet und stürmt es, dass einem die Ohren wegfliegen. Fröhliche Kerle. Hätte ich auch nicht schlecht Lust, die mal in ihrer Gruppe zu besuchen.

Torftipp: Nicht jeder Fußgänger ist ein Massenmörder.