20 Jahre Torfkurier, der Film






Kürzlich im SM-Club

Wenn im Fernsehen nichts Gescheites läuft …


Von Götz Paschen

Foto: erysipel/pixelio.de

Samstagabend zehn Uhr. Der Spielfilm war Käse. Die Kumpels sind auf Sauftour im Sauerland. Ich hatte Freitag Spätschicht. Ich lass die Kiste brabbeln und surfe im Szenemagazin unter 'dates & locations': ‚Sado-Maso-Club Zero, Latexabend für Einsteiger.‘ Ist jetzt nicht ganz meine Richtung, aber bevor gar nichts los ist. Ohne Latexklamotten, kein Eintritt. Ich geh in meinen Hobbykeller und suche meinen ausrangierten Neoprenanzug und die Kopfhaube. Vorm Spiegel denke ich eher an Tauchen auf Malle als abwegige Erotik. An meiner Werkbank schneide ich mit dem Cutter-Messer zwei kreisrunde Löcher auf Höhe der Brustwarzen rein und befestige noch eine Kette auf Hüfthöhe mit Nieten, die hinten runterhängt. Schon elf durch.

Voll die Null
Ich suche den Autoschlüssel. Keine Chance. Taxi um die Uhrzeit, vergiss es. Wegen der drei Bier ist mir einiges egal: Bademantel über den Neopren, Sporttasche untern Arm. Ich nehme die Straßenbahn, ignoriere die anderen Fahrgäste und schreibe eine SMS an meine Ex-Freundin. 'Lust auf SM? Bin schon im Club Zero. Juliusweg 14.' Dämlicherweise habe ich mich in der Telefon-Nummer vertan, drücke auf senden und merke zu spät, dass das jetzt bei meiner Mutter auf dem Handy landet. Scheiß drauf. - Im 'Club Zero' prüft ein Türsteher meine Montur. Na, ja. Ich darf trotzdem rein. 25 Euro, zwei Freigetränke. Völlig der Sparpreis. Ich bewundere Galgen, Käfig, Kreuze … Irgendwo fesseln sie gerade einen bäuchlings auf einen Hocker. Woanders kriegt eine Mittvierzigerin, Typ Lidl-Kassiererin, von zwei ulkigen Jungs den Hintern versohlt. Direkt neben mir wird einer von seiner Freundin und einem Kumpel geknebelt. Fresse halten, die nehmen das ernst.

Anja
Am Tresen bestelle ich mir einen Banane-Kirsch-Saft und lerne Anja kennen. Sie weiß die Regeln, und wir verabreden eine Session. Anja fänds ‚echt cool', wenn ich meine Taucherflossen auch anhätte. Ich hole sie aus der Sporttasche und einen zweiten Kiba, zieh sie an und watschle zurück. Anja wählt die passenden Handschellen aus und fesselt mir die Hände auf dem Rücken. Ich knie mich hin, während sie die passende Gerte aussucht. Gleichzeitig gibt es am Eingang Tumult. Parallel zum Schmerz beim ersten Schlag habe ich ein zweites ungutes Gefühl. Ich höre am Eingang das Gezeter der Stimme meiner Mutter. Sie ist am Türsteher vorbei! Ohne Latexklamotten! "Jochen, wo steckst du?", ruft sie schon vorne im Flur. Ich sage zu Anja "Europameisterschaft", unser Codewort, damit sie mich losmacht. Da ist Mutti schon im Raum. Sie haut Anja eine runter: "Lassen sie meinen Sohn in Ruhe." Und nimmt ihr die Gerte weg. Ich haste am Tresen vorbei zum Ausgang und verliere dabei eine Flosse. "Der muss noch zahlen", quakt die Tresenschlampe dem Türsteher zu. Ich denke an meine beiden Freigetränke, will jetzt aber nicht diskutieren und hüpfe Flosse, Fuß, Flosse, Fuß zum Klo.

Fluchtversuch
Am Türgriff bleibe ich mit meiner Hinternkette hängen. Es sagt ratsch und der halbe Hintern ist nackt. Anja schnauzt meine Mutter an. Beide stürmen Richtung Männerklo. Ich schließe mich im Klo ein, steige auf den Deckel und kletter durch das kleine Klofenster. "Jochen, bist du da drin?", ruft meine Mutter. Nein, denke ich, und robbe durch das enge Fenster im Souterrain auf den Bürgersteig. "Da ist er!", höre ich den Türsteher hinter mir und fange an zu rennen. Flosse, Fuß, Flosse, Fuß … Ich drehe mich um. Sie sind mir auf den Fersen: Türsteher, Anja, Mutti - in der Reihenfolge. Und renne einen Radfahrer um. "Ej, Arschloch!" Jetzt hier keine Fisimatenten. Ich schnapp mir das Fahrrad und sprinte Richtung Weser. Die Flosse bremst auf dem Asphalt. Der Wichser von Türsteher keuchend hinter mir. Den Hang runter, dass ich mich fast aufs Maul packe, habe ich ihn immer noch nicht abgehängt. Nutzt nichts. Ich schmeiß das Fahrrad scheppernd hin, hüpfe zum Ufer und spring in den Fluss. Ordentlich Strömung. Ich schwimm rüber und lande beim Café Sand am Strand.

Café Sand
Da sitzen zwei Kerle auch im Neopren im Sand. Nachts! Ich werd nicht mehr …
"Übst du auch für den Lübeck-Nacht-Triathlon?"
"Logisch."
"Wir wussten gar nicht, dass von Bremen noch andere gemeldet waren."
"Könnt ihr mal sehen."
"Willst du auch einen Müsliriegel?"
"Warum nicht?"
Ich setze mich, mampfe meinen Müsliriegel und höre am anderen Ufer meine Mutter rufen: "Jochen!" Ich lasse mich auf den Rücken in den Sand fallen, guck in die Sterne und denke: Auch nicht weniger los als im Sauerland.