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Körperwelten

Catering in letzter Minute gerettet. 

// Satire //

Von Götz Paschen

Foto: Jens Bredehorn/pixelio.de

Ende August die Eröffnung in dem ehemaligen Autohaus Lueg in Bochum. 1.600 Quadratmeter gehäutete Leichen. Die größte Faszination üben natürlich die Ganzkörper-Exponate aus. So einen Ärger wie hier hatten wir selten. Vorab schon das Theater mit der Initiative 'Stoppt den Organraub in China', deren Sprecherin behauptet, nicht alle Plastinate kämen von freiwilligen Spendern. Dann fehlt beim Catering angeblich das Fleisch. Und später ist der Zugang zu Halle 3 versperrt, in dem einige Sportler als Ganzkörperexponate stehen. Also eigentlich die Sahnestücke der gesamten Ausstellung.

Sekt
Die Honoratioren sind vollständig versammelt. Sekt wird gereicht. Der hektische Catering-Mann, Karsten Nieball aus Dortmund, tobt. Das Handy am Ohr rennt der brüllend durch den Hinterhof, das ehemalige Altreifenlager. Frau Dr. Angelina Whalley kommt zu mir, ein kurzer Blick, zwei scharfe Bemerkungen. Sie duldet es nicht, wenn Planungen schief laufen. Dr. Whalley ist Kuratorin und zweite Frau des Ausstellungserfinders Gunther von Hagens. Die Prominenz versperrt mit ihren dicken Karossen die Zufahrt. Der Fleischer aus Langendreer ist wieder abgefahren. Seine SMS: "komme nicht durch. abholung bis 12 uhr in langendreer". Inzwischen ist es zu spät. Er ist beim Heimspiel auf Schalke und seine Frau grillt Spanferkel bei einer Silberhochzeit.

Halle 3
Ich kenne Karsten von einer Sauftour durch Bochum während der Vorplanung. Seitdem duzen wir uns. "Ej Karsten, mach‘ keine Scheiße. Die da drin wollen was essen." Dann hat er mich nach dem Generalschlüssel für die Hallen gefragt und ist mit seinen zwei Köchen los: "Ich kümmere mich drum." Nachher lief einer von den beiden Köchen mit zwei langen Eisenstangen durchs Foyer. Drinnen wurde Sekt geschlürft und alle waren noch ganz zufrieden. Karsten ist einer von denen, auf die du dich verlassen kannst. Er zieht durch und macht fertig. 'Geht nicht, gibt’s nicht' steht seitlich auf seinen Geschäftsfahrzeugen.

Zitate
So eine Ausstellung ist nichts für zarte Gemüter. Das gilt auch für die Besucher. Wir haben daher diesmal vorne mit dem Teilbereich Kinder, Schwangerschaft und plastinierte Embryos und Föten angefangen. "Karsten, was machst du?", habe ich ihn noch gefragt. "Ich widme mich dem 'Zyklus des Lebens'", hat er sarkastisch den Untertitel der Bochumer Ausstellung erwähnt. Danach zitierte er noch sinngemäß Gunther von Hagens: "Wir müssen die Tabus in ein neues Verständnis von Tod und Körperlichkeit transformieren. Ich fordere die Besucher in den Ausstellungen auf, ihre grundlegenden Ansichten und Überzeugungen über unsere Sterblichkeit zu bedenken." Dann ist er nach hinten in das ehemalige Reifenlager, seine Köche anleiten und Geschnetzeltes machen. Zwischendurch stank es nach verbranntem Kunststoff.

Scharf
Nach 20 Minuten stand er zufrieden neben mir zwischen den Gästen: "Sag mal, wie funktioniert diese Plastination eigentlich?" - "Wir ersetzen Zellwasser unter Vakuum durch Kunststoff und härten es mit Wärme und UV-Licht aus. Das Verfahren ist patentiert." 90 Minuten später ist der Spuk vorüber. Alle sind zufrieden und satt wieder abgerauscht. Ich habe noch Hunger und bin etwas angetrunken, weil ich so viel Sekt auf nüchternen Magen nicht vertrage. Die Serviererinnen räumen die dreckigen Teller ab. Dr. Whalley ist zufrieden: "Na, das haben Sie doch noch pünktlich hingekriegt." Karsten grinst: "Geht nicht, gibt's nicht." Und sie fragt: "Die Sahnesoße war exzellent. Aber das Fleisch, würzen Sie das immer so scharf?"

Fair
Und später zu mir: Um den Diebstahl in Halle drei müsse ich mich nicht weiter kümmern. Tags drauf wurde mir gekündigt. Sie haben sich fair verhalten und zahlen mir den Lohn weiter bis zum Ausstellungsende im Januar. Ich bin vom Dienst freigestellt. Karsten wollte sich noch einmal mit mir treffen. Das geht nicht. Im Auflösungsvertrag sind weitere Kontakt mit K. Nieball - Food-Services untersagt, sonst verliere ich meine Abfindung.