20 Jahre Torfkurier, der Film






Hirnzellen kaputtföhnen

Von der gesundheitsschädlichen Wirkung des Föhns.


Von Götz Paschen

Foto: rudis-fotoseite.de/ pixelio.de

'Blöd und schön'. So knapp lässt sich die jüngste Studie, des DIHG (Deutsches Institut für Haargesundheit) in Darmstadt zusammenfassen. Wer föhnt, dem sterben in fünf Minuten rund 100.000 bis 150.000 Hirnzellen ab, könnte man populärwissenschaftlich formulieren. Kein Drama. Das fällt gar nicht auf. Wir haben doch zwischen 100 Milliarden und 1 Billion Hirnzellen. Mit 8.000 Mal föhnen sind also erst eine Milliarde Hirnzellen lahmgelegt. 8.000 Mal bedeutet 22 Jahre täglich einmal föhnen. Selbst wenn ich nur 100 Milliarden habe, kann ich in 66 Jahren nur 3 % davon kaputtföhnen. Das stimmt. Die Frage ist immer nur, welche Zellen davon betroffen werden. Die zweite Frage ist, wie das Hirn die synaptischen Verbindungen über Ersatzwege 'repariert'. "Von Verblödung im eigentlichen Sinne kann also nicht die Rede sein", erklärten nach Veröffentlichung der Studie Pressesprecher der Firmen Braun und Wella auf einer gemeinsamen Pressekonferenz in München.

Hirnchemie
Konkret geht es darum, dass bei den Synapsen am Axonende der Neuronen (Nervenzellen) durch starke Wärmeeinwirkung die chemische Reizübertragung nicht mehr stattfindet. Das heißt, der Dialog zwischen den Zellen reißt ab. Währenddessen bleiben Zellkörper, Dendrit und Zellkern vollständig lebensfähig. Allein die Neurotransmitter (die biochemischen Botenstoffe) bleiben in den synaptischen Vesikeln (synaptischen Bläschen) eingeschlossen und gelangen nicht zur Ausschüttung an den Synapsen. Die Neurorezeptoren der benachbarten Zelle erhalten also keine Information. Korrekt sind es die Oberflächen der Vesikel, die durch die Hitzeeinwirkung ausschüttungsunfähig werden. Die beiden Hirnzellen stehen einander also gegenüber wie zwei Menschen, von denen einer geknebelt ist, aber etwas zu sagen hätte. 'Eitelkeit knebelt Synapsen' hätten wir auch biochemisch etwas ungenau titeln können.

Strähnig und nass
Wer aber will mit strähnigen nassen Haaren morgens im Winter das Haus verlassen? Sieht nicht gut aus. Führt zu Erkältung. Mütze drüber führt erst recht zu einer Murksfrisur in Schule und Beruf den ganzen Tag über. Abends zu duschen und Lufttrocknung wären die Alternativen. Dann ist aber immer noch nicht geklärt, wie wir die Haare morgens in Form bringen. 'Wunderschön durch Wunderföhn' titelte im Sommer die Braun Marketingabteilung. Antistatisches Trocknen durch Ionen-Technologie. Haarfilter schützen vor Einsaugen der Haare in das Gerät. Colour Saver Technologie mit Haarfarbstoff-Molekülschutz. 'Viel Wind um nichts' - könnte man behaupten. Trocknen würden die Haare auch bei Raumtemperatur. Eine halbe Stunde früher aufstehen und mehrmals luftig durchbürsten, Thema erledigt. Schonend ist das Heißluftföhnen also überhaupt nicht.

Neue Ästhetik
Wer jetzt also struppig im Büro oder im Laden zur Arbeit erscheint, ist mental fitter, weil er sich nicht die synaptischen Vesikel heißgeföhnt hat. Weniger Schönheit gleich mehr mentale Leistung? "Die These ist so nicht zu halten. Schon weil je nach genetischer Ausstattung alle Menschen mit verschieden vielen Gehirnzellen ausgestattet sind", so ein Sprecher des DIHG auf Rückfragen. Im Klartext: Wer ein Schlaumeier ist, der kann sich selbst bei täglichem Heißlufttrocknen nicht auf das Niveau eines Minderbegabten runterföhnen. Dass die Studie derartige Wellen schlagen würde, damit hatte das Darmstädter Institut ohnehin nicht gerechnet. Besonders delikat ist das gerade vor dem Hintergrund, dass das DIHG neben 40 % aus Bundesmitteln zu 60 % aus Fördergeldern der Schönheitsbranche finanziert wird. Ebenjener Firmen, die sich jetzt mit den Ergebnissen der Studie öffentlich herumschlagen müssen. Interessanterweise war dann auch bei erneutem Rückfragen der Pressesprecher des DIHG beurlaubt und seine Vertreterin unsere Ansprechpartnerin.

Was tun?
Unser kurzer Tipp lautet: Föhnen Sie sich ungehemmt weiter. Intelligenz ist für den Lebenserfolg nur von minderer Bedeutung. Ein strahlendes Äußeres wirkt anziehender als ein brillanter Geist. Diese Erkenntnis ist auch deckungsgleich mit den Forschungen der Humanbiologie. Stammhirn dominiert Großhirn. Der Neandertaler in uns trifft also immer noch wesentlich mehr Entscheidungen als unser humanistisch intelligenter Anteil. Man könnte zu dem Ergebnis kommen, dass die gesamte Hirnforschung, inklusive der Studie des DIHG, an der maßgeblichen Vormachtstellung des Stammhirns scheitert. Beim Thema Beuteschema, Partnerwahl … geht es also mehr um gesunde Zähne, breite Schultern, gebärfähige Hüften und eventuell irgendwann auch um die Frisur. Sicherlich auch um sichtbaren Lebenserfolg, also Statussymbole wie Haus, Auto und dickes Konto. Weitaus weniger werden Intelligenz und Bildung gewichtet. Es sei denn Bildung in ihrer Funktion als dekoratives Attribut. Zu Deutsch: Stallgeruch der verschiedenen Schichten. Wir verlassen das Föhnthema. Geföhnt verlangsamen sich morgens im Großhirn Ihre Ampelreaktionszeiten im Straßenverkehr an den passenden Synapsen. Führt das zu mehr Unfällen? Das und welche konkreten Auswirkungen das Föhnen im Alltag noch hat, beantwortet auch die DIHG-Studie nicht. Wir sind der Ansicht, wer sich der Gefahr von Handystrahlung aussetzt, dem kann ergänzend der Föhn auch nicht mehr viel schaden.