20 Jahre Torfkurier, der Film






Hinter den Gardinen

Wollen Sie das wirklich sehen?

Von Götz Paschen

Foto: Hans-Jürgen Steglich/pixelio.de

Groß ist die Neugier vieler. Der Tratsch, den Dritte erzählen, das geht in Ordnung: Sich das Maul zu zerreißen über Dramen, die einem nicht nahe kommen können. Aber wollen wir das wirklich sehen, was hinter den Gardinen abgeht? Wenn es an die Öffentlichkeit kommt, dort wollen wir es nicht haben: Die Gewalt und Aggression, die Wut und Verzweiflung. Die Angst und Mutlosigkeit. Wenn Menschen Rotz und Wasser heulen. Aus Verzweiflung aus sich herausschreien oder andere anschreien. Die Seelenrisse, Beulen und Scherben. Wollen wir das wirklich alles aus nächster Nähe sehen? Und unseren Mangel an Mitgefühl und Unterstützungsroutine dabei erleben? Wer ist schon bereit, so einen verrotzten unglücklichen Menschen spontan in den Arm zu nehmen und zu stützen, ohne dabei an die Schleimspuren auf dem eigenen Pullover zu denken? Wie bei dem helmlosen Epileptiker, der mit Schaum vor dem Mund auf der Straße vor mir in Frankfurt-Bockenheim zusammenbrach. Hämmert mit seinem Schädel in Krampf und Anfall auf den harten Asphalt. Meine Jacke zu seinem Schutz unter seinen Kopf und den Schädel halten, um ihn vor weiteren Verletzungen zu bewahren. Während er mit einer unbändigen Energie zuckt und schlägt, dass es einen erschreckt, fasziniert und schlicht Kraft kostet, die 90 Kilo in ihrer Dynamik zu bremsen.

Rückzug
Wie ich mich dabei erwische, dass mich Gleichgültigkeit beschleicht, wo früher Mitgefühl war, wenn ich Elend direkt erlebe. Da empfehle ich Prinzipien: Kleingeld grundsätzlich in der Hosentasche und nur die Scheine im Portemonnaie. Weil das Kleingeld für die Straßenmusikanten und Bettler ist. Auch wenn klar ist, dass meine 50 Cent zu Alkohol werden, dass mein Euro nicht hilft und dass sie oft Unterkunft und Sozialhilfe haben (könnten). Es geht um die Geste des Mitgefühls. Und es kostet exakt fast 'nichts', außer ein offenes Herz - also alles. Wenn ich dann auf offener Straße Vater und Sohn um Kontakt ringen sehe, dann fehlen die Gardinen. Dann kommt die Frage auf: Wie pur darf Leben sein? Was ertragen wir noch direkt? Im Fernsehen von harter Gewalt bis zu intimem Sex alles - im realen Leben null Handhabe für Mitverantwortung. Weil es Zeit kostet. Das tut das Leben ja ohnehin. Und ob es besser ist, sich recht schnell aus dem Öffentlichen wieder in das Private hinter die Gardinen zu retten, bleibt die Frage. Aber wo sind die Routinen einzugreifen, wenn eine Frau mit dem Auto auf dem Bürgersteig in rasanter Fahrt auf Ihren Mann zusteuert und sich beide dann in die Wolle kriegen. Auch da fehlen die Gardinen. "Ej Leute, macht Frieden. Wollt ihr reinkommen zum Tee?" Da fehlt mir inzwischen manchmal der Schneid. Vielleicht ist das Engagement auch fehlinvestiert. Aber hat da Barmherzigkeit je nach gefragt?

Aufwachen
Wenn ich nachts um drei in Bremen nach dem Tanzen und vor der Heimfahrt im Bahnhof eine Pizza im Stehen esse. Und ich sehe einen beruflich erfolgreichen Bekannten in Begleitung seiner Frau. So sternhagelvoll, dass ihn die Vergiftung schon fast in die nächste Glastür stürzen lässt. Da ist die Partnerin offensichtlich schon fetter in der Ko-Abhängigkeit oder auch im Suff, dass selbst diese Begleitung kein Zeichen für ausreichend Hilfe ist. Geht mich das alles nichts an? Oder die jungen Halbnazis hier im Ort, die mit Mitte Zwanzig außer Alkohol und Straße keine realistischen Alternativen entwickeln. Wo ist die gelebte Solidarität? Wo ist das, was wohl Nächstenliebe ausmacht? Wollen Sie wirklich wissen, wie viel soziale Erosion hinter den Gardinen gerettet werden will? Oder wo gerade - warum auch immer - eine Kindheit abraucht oder zersplittert, während wir alle die Signale übersehen? Professionelle Hilfe kann auch nur greifen, wenn das gesamte Umfeld mitträgt. Egal bei welchem Thema.

Torftipp: Immer Kleingeld locker in der Hosentasche haben.