20 Jahre Torfkurier, der Film






Helium oder Der Traum vom Fliegen

Eine Gebrauchsanweisung im Praxistest.


Von Götz Paschen

Ich hocke hier heimlich in meiner Garage, nehme den Kompressor, führe mir den Luftschlauch hinten ein und drehe auf. Es fängt an zu knattern. Es hilft natürlich gar nichts, sich Luft in den Darm zu pumpen. Ich habe mir mehrere Flaschen Luftballonhelium besorgt. In der Apotheke habe ich einen Irrigator bestellt. Der ist für medizinische Einläufe gedacht. Man füllt warmes Wasser in den Becher, hängt ihn neben die Waschlappen, kniet sich auf die Badematte, steckt sich das Schlauchstück in den Po und dreht den Hahn auf. Fertig ist die Darmspülung. Was mich an dem Irrigator interessierte, war nur das Endstück. Denn das Metallstück am Schlauchende vom Kompressor kann man nicht mehrmals verletzungsfrei einführen. Aber ich bin ja findig. In der Werkstatt habe ich den Schlauch entsprechend abgeschnitten und das Schlussstück vom Irrigator mit einer Schlauchklemme an den Kompressor drangeschraubt. Nach meinen Berechnungen muss das Körpergewicht des Fliegenden verringert werden. Während alle, die gescheitert sind, bei der Flugtechnik ansetzten, Flügel, Gurte, Mechanik …, setze ich beim Flugkörper an. Der muss leichter werden.

Bademütze
Ich habe mir extra an meiner Werkstattlatzhose unten eine Naht aufgetrennt und drei Druckknöpfe angenäht. Wenn es dann ans Fliegen geht, will ich auch umgehend starten können, bevor das Gas entweicht. Da zählt jede Sekunde. Ich zurre mir einen Gürtel um den Hintern, zehn Zentimeter tiefer, als er sonst sitzt. Das drückt die Arschbacken zusammen, statt Korken. Auch hier ist optimale Justierung gefragt, um vorne die Hodenprellung zu vermeiden. Normal saugt der Kompressor ja aus der Raumluft an. Es war nicht ganz einfach, das Ansauggitter abzuschrauben. Und wie kriege ich ihn jetzt dazu, nur das Helium aus der Flasche zu nehmen? Ich habe eine Gummibademütze vor die Zuluftklappe genietet, ein Loch reingeschnitten und wieder mit einer Schlauchklemme die Bademütze an die Heliumflasche geschraubt. Die zehn Druckbehälter sind über mehrere Ventile und Rohre verbunden, dass aus allen gleichzeitig Gas ausströmen kann.

Stimmbruch
Ich knie mich also hin, drehe die Flaschen auf, werfe den Kompressor an, öffne mein zweites Hosentürchen, führe den Irrigator ein und bin erstaunt: Wie die Bademütze in kurzer Zeit auf Berstvolumen anschwillt. Warum es an allen Ecken und Enden zischt. Wie schweinelaut der Kompressor ist. Wie unangenehm das Druckgefühl ist, das sich in Sekunden im Darm aufbaut. Und wie arschkalt das Helium ist, das der Kompressor mir hinten reinpumpt. Ich knie wie ein betender Moslem in meiner Doppelgarage, um mich herum der Lärm der Geräte, als es an die Schuppentür klopft. Ruckartig springe ich auf, reiße dabei drei der zehn Heliumflaschen von der Werkbank. Verwische die Spuren, brülle “Komme gleich!” und drehe die Ventile der pfeifenden Gasflaschen zu. Da platzt mit einem lauten Knall die Bademütze. Die Garage ist voller Helium. Als ich die Tür öffne und “Na, Norbert …” sage, hat sich meine Stimme durch das Helium dramatisch zu einem Micky-Maus-Piepsen verändert. Der guckt mich irritiert an, erwidert: “Ist bei dir alles in Ordnung?” und wundert sich ebenfalls über seine hohe Stimme.

Über den Dächern
Eine Stunde später: Norbert ist weg. Ich habe die geplatzte Bademütze durch eine Wärmflasche ersetzt. Und die Heliumflaschen liegen auf zwei Campinggaskochern. Wenn ich die erhitze, ist das Gas, das ausströmt, nicht mehr so unangenehm kalt. Zweiter Versuch: Ich zünde mit meinem Feuerzeug die vier Flammen der Campingkocher an, lege die Hinterenden der Heliumflaschen drauf und fühle, ob die auch warm werden. Drehe die Ventile auf, überprüfe die Berstresistenz der prallen Wärmflasche und werfe den Kompressor an. Langsamkeit ist entscheidend: Heliumventile nur leicht aufdrehen, Kompressor schwächste Stufe … Warten. Ich knie mich vor die Werkbank, schmiere Vaseline an den Stutzen, steck ihn rein und denke gerade noch, dass das auch nicht viel wärmer ist als beim letzten Mal, als es einen Riesenknall gibt. Mehrere Gasflaschen sind gleichzeitig explodiert, das halbe Schuppendach offen. Die Explosion schleudert mich mit ungeheurer Wucht durch das offene Dach in die Luft. Norbert mäht Rasen und schaut mir mit offenem Mund nach. Unten explodieren weitere Flaschen, während ich hoch über den Baumwipfeln Richtung Wolken düse. Der Wind pfeift mir um die Ohren. Mir brennt es am ganzen Körper. Mein Schädel dröhnt und meine Hüfte schmerzt. Meine Hose hängt auf halb acht, nur vom Gürtel gehalten. Wie einen Drachenschwanz ziehe ich den Kompressorschlauch hinter mir her. Und: Ich fliege. Der Plan war anders. Der Traum ging in Erfüllung. Glücksgefühle überschwemmen mich. “Ikarus!”, brülle ich und verliere das Bewusstsein.