20 Jahre Torfkurier, der Film






Hügiene

Sauberkeit im wilden Galopp!

Von Götz Paschen

Foto: Rochus Bindner_pixelio.de

Das Wildpferd ‚Leben‘ will domestiziert sein. Gestriegelt mit Zöpfchen in der Mähne: „Hü Giene!“ - Die Möhre geschält, weil’s sauberer ist. Die Pellkartoffeln gepellt, obwohl sie bio sind. Die Gurke geschält, den Apfel geschält. Die Vitamine mit der Schale in den Restmüll geworfen. Sowieso alles in den Restmüll oder die Komposttonne. Den Kompost abgeschafft. Weil einem das Leben in so einem Haufen suspekt ist mit Würmern, Tausendfüßlern, Kellerasseln und Getier.

Steril
Den Hund kastriert, die Katze sterilisiert, den Ehemann auch. Die Fortpflanzung kontrolliert. Dem chinesischen Vorbild gefolgt. Ein Kind zum Vorzeigen und Drama machen und haben. Den Rest aufgespart wegen der Nerven. Die wilden Gedanken ausgesperrt. Den Kindern alle Zähne gradegezogen. Sich den Flirt verboten. Auch schon den harmlosen am Bahnhof oder im Buchladen. Die Claims abgesteckt. Zum Nachbarn den Zaun erhöht. Auf dem Doppelbalkon den Sichtschutz aufgebaut. Dort auch viel geschwiegen und geflüstert, damit keiner weiß, was ist.

Taub
Nicht hingehört, so oft es geht. Von Heinz-Rudolf Kunze den Liedtext nicht verstanden: „Wir hören, dass es klingelt – ganz hinten im Gehirn. Doch wir gehen nicht dran. Wir heben nicht ab …“ Den Kindern die ‚Scheißmusik‘, den ‚Krach‘ verboten. Den Kindern nicht zugehört. Dem Partner nicht zugehört. Der Oma ‚ja, ja‘ gesagt. Beim Telefonat weitergesurft. Nicht gesagt: „Erzähl mal was anderes. - Sag mal, wie es dir wirklich geht.“

Trocken
Beim Regen drin geblieben. Beim Volkslauf zu Hause geblieben. Beim Tanzen Pause gemacht, als der Schweiß kam. Immer Deo dabei. Bloß keine Körperflüssigkeiten. Beim Konzert die Arme nicht hochgerissen, damit keiner was riecht. Mit der Zahnspange nicht gelacht. Vorm Sex noch die Zähne geputzt. Beim Theater nicht laut gelacht. Und keine Tomaten geworfen. Noch nie Tomaten geworfen. Noch nicht einmal in der Phantasie. Und Geschirr auch nicht. Aus Wut mal `nen Teller? Ne. Immer davon geträumt. Nie getraut. Heftig geflucht, auch nicht.

Sauber
Die Fenster geputzt. Die Nase geputzt. Die Ohren gewaschen. Den Kopf gewaschen. Sich den Kopf waschen lassen. Was man muss und was man nicht sollte. Nie gefragt, wer ‚man‘ ist und wie es dem so geht, wenn der sich an alles hält. Den Rasen gemäht. Wöchentlich. Den Löwenzahn ausgestochen. Das Moos wegvertikutiert. Die Rasenkante getrimmt. Den Körper nicht. Die Hecke auf Zack. Die Büsche auf Zack. Die Familie auf Zack. Der Ketchup auf dem frischen Hemd das größte Drama am Wochenende.

Normal
Wer heult wird nicht fotografiert. Fürs Online-Fotobuch alle Popel, Pickel und Unglücklichen weggemacht. Plastiklächelgesichter. Fassadenalbum ohne Erinnerungswert. Onkel Ernst schiebt mit der Frau vom Nachbarn im Wäldchen neben dem Fest eine Nummer – nur im Spielfilm. Leidenschaften und Abgründe nur in den Medien. Daheim alles mit schlaffen Amplituden im Bereich bürgerlichen Grundbrummens. Fertigsuppe, Fertigdressing, Fertiggerichte, Tiefkühlpizza. Kein Gammel im Kühlschrank. Noch nie eine Fruchtfliege gesehen.

Abwartend
Die Arbeitsflächen geputzt. Das Öl nach Vorschrift aufgetragen und abgerieben. Nicht einfach Olivenöl hingekippt mit den Händen verstrichen aus Spaß am Geschmier und ohne Anleitung. Den Partner auch nicht eingeölt. Und nicht mit Vanilleeis Gesichter drauf gemalt und abgeleckt. Aber im Film gesehen. Guter Film. Im Film gesehen. Echt guter Film! Im Kino, wo das Leben ist. Und die Rutsche. Hui! Wie aufregend. So eine Rutsche. Hui. Wilde Jugend mit so einer Rutsche. Kontrollierte Vergnügungsangebote. Domestizierte Jugend.

Distanziert
Nie geheult. Warum auch? Alles gut – oder? Verlernt wie das geht. Einen Verheulten in den Arm nehmen, ohne zu denken an die Rotzspuren auf dem Hemd. Einen verschwitzten Sieger in den Arm nehmen. Das Leben in den Arm nehmen, ohne zu denken was andere denken. Die schwere Geduld begrüßen. Die Traurigkeit. Das Glück und das wilde Vergnügen.