20 Jahre Torfkurier, der Film






Genieß es …

… wenn du es kannst.


Von Götz Paschen

Foto: Katharina Scherer/pixelio.de

Auf den kalten Fliesen liegen und das genießen. Irgendwo in Griechenland in der Ferienwohnungsküche. Und auf dem Küchentisch die geschnittenen Tomaten, der Salat, der Schafskäse, das Olivenöl, die Zwiebeln. Aber gemeinsam auf dem Fliesenboden liegen in dieser grenzenlosen Hitze und das genießen. Nichts sagen, nichts fragen.
Durch den Regen laufen und das genießen. Irgendwo in Achim oder Rotenburg vom Wochenmarkt zurück zum Fahrradkorb. Während alles langsam nass und nasser wird. Die Brottüte durchweicht, das Obst mit frischen Tröpfchen wie in der Werbung. Haare nass, T-Shirt nass, BH nass, Glucksen in den Sandalen. Den Regen willkommen heißen und zu Hause die nassen Klamotten klatschend in die Wanne schleudern und Musik anmachen.
Kette abgesprungen und das genießen. Schieben, fluchen, aufs Mäuerchen setzen. Reparieren und die Hände mit Öl vollschmieren. Eingesaut abwischen an den nackten Beinen. Ölstreifen unter kurzen Hosenbeinen. Das gut finden und sogar lachen, wenn sie nach zwei Kilometern wieder abspringt. Beim Fahrradladen halten. Das Rad da lassen. Zu Fuß heimgehen. Eine Schale Heidelbeeren kaufen. Mit öligen Fingern essen und schmecken. Dunkle Kugeln voller Sonne.

Schmerz zulassen
Eilig sein und das genießen. Losstürmen und sich an der Kommode stoßen. Heftige Schmerzen spüren und innehalten. Die Musik des Schmerzes in den Knochen spüren. Wie sie in Wellen anschwillt und wieder abebbt. Die Wellen beobachten und bei sich sein. Und dann die Treppe runter mit der süßen Erinnerung dieses Augenblicks. Zeitloses innehalten. Anwesenheit im Jetzt ohne Einschränkung.
Den Kindern winken und das genießen. Wie sie immer wieder das Haus verlassen. Als Vorbote dafür, dass sie es eines Tages ganz verlassen. Flügge werden beobachten. Den Zauber, wenn in der Einfahrt keiner mehr vom Fahrrad winkt, sondern die Einfahrt leer ist und doch beseelt. Das lange Band der Innigkeit von der Rolle lassen - ewig weit. Gut verbunden.
Die Zeit, bevor es los geht, im Bad genießen. Gepflegt nass rasieren. Mit Schaum vorm Mund im Spiegel. Sich selber pflegen. Langsam tun, was du tust. Nichts anderes. Die Vorfreude auf den Abend in das Waschbecken tropfen lassen. Sich selber schön finden.

Zeit vergessen
Aufgeben und die Entspannung genießen: Mitten im Halbmarathon. Mitten in der Ehekrise. Mitten im Verkaufsgespräch. Mitten in der Klassenarbeit. Anhalten. Aktivitäten in Frage stellen. Absagen. Entspannen. Den Kampf aufgeben und sich seitlich neben den Schauplatz des Geschehens stellen und schauen. Was da los ist und wie es aussieht, wenn wir es von außen betrachten.
Bei sich sein und das genießen. Seinen Platz kennen und sich dort aufhalten. Und nicht in der Gruppe sein. Da ankommen, wo wir jetzt stehen, auch wenn keiner da ist. Das Bewusstsein zu begrüßen, dass wir ohnehin nur bei uns sein können. Die alte Gier nach Fürsorge aufgeben. Sich getragen fühlen ohne konkreten Grund. Still werden.
Sand zwischen den Zehen und das genießen. Abendwind im Haar. Meeresrauschen. Die Zeit vor den abendlichen Pommes. Decken falten, Strandkram einpacken. Schuhe auf der Bank am Bohlenweg anziehen. Den Wind im Dünengras beobachten. Sich noch einmal umdrehen und aufs Meer schauen. Stehenbleiben. Die Zeit vergessen.

Planlos bleiben
Abschied nehmen und das genießen. Gehen lassen. Nichts festhalten. Die Hoffnung fallen lassen, dass bald etwas Neues kommt. Altes loslassen und in die Zwischenzone schreiten. Unklarheit darüber, wo es hingeht, was kommt und wie lange es dauert. Die Zwischenzone als Lebensort akzeptieren. Die Jagd nach Klarheit und Vollständigkeit aufgeben.
Musik hören und die genießen. Eine Aprikose essen. Sie mit den Fingern aufreißen. Das süße Fleisch schmecken und die Musik dazu in die Ohren rinnen lassen. Irgendeine schlanke Musik. Mehr Töne als Gesamtkonzept. Etwas, das mit Liebe komponiert ist. Mit Freude am Detail. Abschalten, wenn das Stück rum ist und nachklingen lassen.

Kommen lassen
Nichts wissen und viel vor sich haben. Das genießen. Den Blick aus dem Fenster. Den Weg vom Parkplatz bis zur Arbeit und dabei den Blick in den Himmel. Den Stau und die Gedanken an die Familie. Die offenen Fragen und die Unmöglichkeit, sie alle zu beantworten. Den Blick an die Decke und die Ruhe, wenn alles heruntergefahren ist.
Verzweifeln und die Freiheit genießen. Den Plan vergessen. Dem lieben Gott seine Verantwortung zurückgeben. Die Tränen kommen lassen. Sich erleichtern. Frei sein von der Verantwortung für das, was kommen soll. Den Weg kommen lassen und nicht suchen. Und die Ausweglosigkeit und Irritation voll spüren. Seelisch in die Knie gehen und das Gewicht der Verantwortung von den Schultern fallen lassen. Abgeben. Dahin, wo es hingehört.