20 Jahre Torfkurier, der Film






Gären lassen

Öfter mal ‘was Neues.


Von Götz Paschen

An dieser Stelle kommt das Konzept der Vergärung für den Bereich persönlicher Entwicklung. Wir empfehlen das Konzept all denjenigen, die zu schnell entscheiden. Die Grundlage seelischer Gärung ist, dass alle Daten klar vorliegen, aber noch nicht entscheidungsreif sind. Gärung ist ein Prozess, der Geduld erfordert. Wer Wein trinken will und sich aus Ungeduld den Most in den Hals schüttet, wird den Wein nicht kennen lernen. Vorab einmal die Zielgruppe der Menschen, für die Gärung kein Konzept ist: Das sind all diejenigen, die in ihrem Leben vor lauter Phlegma und Zaudern schon so viel Schaden angerichtet haben, dass sie sich selbst gern täglich in den Arsch treten würden. Entscheidungsvermeider sind mit Gärung schlecht beraten. Das können sie.

Hektiker
Voreilige, Hektische - die dürfen sich in den Genuss umfangreicher Gärprozesse bringen. Sie kennen das: Das Datenmaterial liegt vor, das Sie brauchen, um beherzt entscheiden zu können. Sie treffen die Entscheidung. Die Zeit ist noch nicht reif, aber sie könnten das Ergebnis schon gut gebrauchen. Und kaum haben Sie entschieden, geht die Angelegenheit nicht flüssig weiter. Oder gar in die Hose. Ich kenne Menschen, die lassen serienweise gute Möglichkeiten an sich vorbeiziehen, weil sie sie nicht für optimal halten, sondern nur für fast optimal. Unterhalb von optimal greifen die aber gar nicht zu. Dabei verpassen sie zwar ihr halbes Leben, fallen aber auch nie auf die Fresse. Sie halten sich so lange im Bereich des Gewohnten auf, bis das Ungewohnte annähernd ähnlich große Sicherheit und Komfort bietet. Wer warten kann, kann auch einmal eine Chance verschenken, weil sich ohnehin später wieder eine bietet. Wer nicht warten kann, sieht immer Knospen, nie aber Blüten.

Schnell ist langsam
Sinnig ist es, sich ein dickes Fell anzugewöhnen. Sie warten einfach so lange, bis alles richtig wirkt. Und dann entscheiden Sie sich noch immer nicht. Richtige Möglichkeiten, kommen Ihnen auch nicht innerhalb von zehn Sekunden wieder abhanden. Sie warten einfach noch ein bis drei Runden extra. Dann hat die richtige Möglichkeit Ihnen bewiesen, dass sie auch auf Sie warten kann. Jetzt können Sie mal langsam drauf zugehen und überlegen, ob Sie zugreifen wollen oder lieber doch noch nicht. Wenn Ideen die phantastische Möglichkeit bieten, auf sie zu warten, dann haben Sie die phantastische Chance sich langsam anzunähern. Während der Hektiker sieben Chancen probiert und zerstört, turteln Sie noch mit der ersten rum.

Gemach, gemach ...
Wir wollten den Flotten die Gärung präsentieren. Wenn Sie kotzen könnten vor lauter Ungeduld, kotzen sie. Aber entscheiden Sie nicht. Wenn Sie toben und schreien könnten, vor lauter Unbeweglichkeit, toben und schreien Sie. Wenn Ihnen zum Heulen ist, weil nichts wirklich vorwärts geht, heulen Sie. Sie bewegen sich im Bereich wertvoller Emotionen. Genießen Sie auch diese. Und lassen Sie trotzdem weiter alles gären. Niemand sagt, nichts tun. Tun Sie, was Sie immer tun. Wir sagen nur, nichts entscheiden, was nicht reif ist. Diesen Prozess nennen wir aktives Warten. Täglich joggen. Viel schaffen: Beruf, Kinder, Privates. Unterwegs sein. Kultur genießen. Sich Eindrücke verschaffen. Das Leben in seinen umfangreichen Kreisbahnen und vollen Zügen genießen. Aber: Nichts entscheiden. Wenn es nichts zu entscheiden gibt. Alles gären lassen. Bis Sie sauer werden. Das ist ein gängiges Ergebnis von Gärprozessen. Auch wenn Ihnen die Luft wegbleibt, weitergären lassen. Passt doch: Gärung findet sowohl anaerob, als auch aerob statt.

Akutversorgung
Was tun in akuten Situationen, in denen Sie früher immer zugegriffen, eskaliert oder entschieden haben? Das ist eine der entscheidenden Fragen. Was machen Sie mit Ihren Impulsen? Alle Entscheidungsimpulse führen zum selben Ergebnis: Hände in die Taschen stecken. Spazieren gehen. Käsebrot schmieren. Auf’s Sofa legen. Alle Medien abschalten. Nichts tun. Und noch ‘mal nichts tun. Ein Buch lesen. Zeitschriften durchblättern. Aus dem Fenster gucken. Trockene Wäsche abhängen. Bügeln. Nichts entscheiden, aber auch rein gar nichts. Wenn es sich nicht völlig richtig anfühlt, nichts entscheiden. Fühlen dürfen Sie immer, während Sie nichts entscheiden. Das trainiert auch ungemein. Fühlen, prüfen, abwägen, anhalten, zur Ruhe kommen. Klingt dramatisch für Durchzieher. Aber zu denen wollen Sie ja nicht mehr in dem Umfang gehören. Also, lassen Sie alles erstmal solide gären.