20 Jahre Torfkurier, der Film






Fragen verlernt

Miss Verständnis und ihre Freunde.


Von Götz Paschen

Foto: Gerd Altmann / pixelio.de

Während Suchanfragen im Internet immer populärer werden: „Türkische Stadt mit drei 'L'?“, gerät die gute alte Frage langsam in Vergessenheit: „Warum holst du die Kinder nicht pünktlich ab?“ Zu dem größten Blödsinn werden Informationen eingeholt: „iPhone 5,GPS für Fußgänger?“ Die relevanten Fragen bleiben auf der Strecke: „Liebst du mich noch?“ Vorbild für volle Meinung bei nahezu null Information ist der Tratsch: „Der hat gar keine Lust zu arbeiten.“ Erstaunlich, wie viel Information möglich ist, ohne auch nur annährend einen Überblick über die Fakten zu haben: „Die sind doch längst pleite.“ Die Grundlage vom Tratsch sind Einzelinformationen: „Ich habe ihn mit einer anderen gesehen.“ Die werden gedeutet und nach eigenem Gutdünken in einem selbst konstruierten Kontext eingebunden: „Die haben bestimmt eine Affäre.“

Mitdenken
Verhängnisvoll stellt sich die Situation dar, wenn Menschen aus dem nahen Umfeld anfangen zu deuten, ohne zu wissen: „Wenn du am Telefon keine Zeit hast, hast du kein Interesse am Gespräch.“ Egal ob privat oder beruflich. Schädlich ist es, lückenhafte Informationen, durch eigene Rückschlüsse zu verknüpfen, ohne diese zu überprüfen: „Er hat mich vor allen anderen auf den Mund geküsst. Er meint es ernst.“ Grundsätzlich ist das Vordenken, Überdenken und Einordnen von Informationen eine relevante Intelligenzleistung: „Der hat den Kofferraum aufgelassen. Gleich regnet es. Ich mach ihn mal zu.“ Dem Denker sei Dank. Bei Zweifeln bietet die eindeutige Frage reale Chancen, Missverständnisse zu vermeiden: „Hier liegt ein Umschlag mit Namen. Sollen da noch eine Adresse und Briefmarke drauf? Oder wird der abgeholt?“

Kurze Klärung
Fasse ich etwas als Beleidigung auf: „Die Bedienungsanleitung verstehen Sie nicht.“, bietet sich eine Frage an: „Halten Sie mich für blöd?“ Die Antworten sind oft schlicht und erleichternd: „Nein, die Bedienungsanleitung ist auf Chinesisch.“ Weitere gute Fragen dienen der Verständnissicherung: „Hören Sie mir überhaupt zu?“ Das vermeidet kleinere und größere Kollateralschäden ungenauer Gesprächsführung: „Ich habe den Kurierfahrer wieder weggeschickt. Sie hatten doch gesagt, es sei ohnehin nichts mehr zu retten.“

Rezipientenfrage
Meiner Ansicht nach aber viel relevanter, ist die Frage, die sich der Rezipient stellt: „Wenn du sagst 'Ich will heute ins Theater.', meinst du dann, dass wir ins Theater gehen? Dass du alleine gehst? Oder dass du mit jemand anderem hingehst?“ Alles, was ich deute, bewegt sich nur im Rahmen meiner Möglichkeiten: Wer einen über den Durst getrunken hat, muss nicht spätabends Auto fahren. Manche Gastgeber sind unkompliziert und haben Gästezimmer und –zahnbürste. Spätestens im Dialog zeigt die ungeklärte Deutung ihre Grenzen: „Das Abendessen hat komisch geschmeckt, und wieso stellst du es in die Waschküche?“ – „Das war ein Rest von Montag. Der sollte auf den Kompost.“

Eindeutigkeiten
Einige Handlungen verlangen nur in geringem Umfang nach Klärung. Da sind die Fakten eindeutig und Fragen überflüssig: „Wieso fahren Sie mir in mein Auto? Haben Sie nicht gesehen, dass die Ampel rot war?“ Entsprechend dämlich wären auch alle Antworten: „Ich hatte alles im Blick und unter Kontrolle. Aber ich mag bordeauxrote Autos nicht und ramme sie überall, wo ich sie erwischen kann.“ Gerade die Fassungslosigkeit bringt ulkige Fragen ans Licht, die man sich schenken kann: „Was machen Sie denn hier?“ Die Antwort bleibt der Angesprochene aus meist schuldig: „Ich breche bei Ihnen ein. Was dagegen?“

Langfristige Klärung
Wirklich wertvoll sind Fragen an der Stelle, an der Sie sie meist nicht gestellt haben: „Besitzt du grundsätzlich das Vertrauen, dich in die Abhängigkeit einer Partnerschaft mit mir zu begeben?“ Oder beruflich: „Wie wollen Sie Entlastung finden, wenn Sie permanent Aufgaben kontrollieren, die Sie delegiert haben?“ Egal, ob es offene Fragen (erklärende Antwort möglich) oder geschlossene Fragen sind (nur Ja-/Nein-Antwort möglich). Bei solchen Fragen kommt keiner mit einer kurzen Antwort weg.

Fragen an mich
Die wichtigsten Fragen stellt man sicherlich an sich selbst: „Was mache ich hier eigentlich?“ Oder auch nicht. Vielleicht entstehen echte Wahrheiten ohnehin nicht im Dialog, sondern im Inneren eines jeden selbst: „Ist das mein Leben?“ Ein gesunder Zweifel ist oft ein guter Ausgangspunkt: „Weiß ich jetzt auch nicht.“ Und sicherlich besser als allgemeine Prinzipien: „Augen zu und durch.“ Dafür ist das Leben nämlich zu schade. Eine gute Frage ist meist schon die halbe Antwort.