20 Jahre Torfkurier, der Film






Fliegen

Von der Möglichkeit, die Schwerkraft zu überwinden.

Von Götz Paschen

Foto: Sibylle Tuschter /pixelio.de

Du denkst, es geht nicht, aber es geht doch. Alles widerspricht dem, was du erlebst: Alle laufen. Keiner schwebt. Alles, was du siehst, steht. Aber du, du kannst fliegen. Du kannst nicht nur fliegen. Du fliegst. Und du wunderst dich. Und du denkst, es ist ein Traum. Aber es ist kein Traum. Selbst wenn du dich kneifst, fliegst du weiter. Ohne Hilfsmittel. Du allein kannst es. Du kannst fliegen und bist völlig perplex. Du setzt Naturgesetze außer Kraft.

Unterwegs
Du fliegst so deine Kreise. Und gewöhnst dich daran. Es ist großartig. Du bist auf Droge ohne Nebenwirkung. Saufen ohne Schädel. Kiffen ohne Trägheit. Du fühlst dich unverwundbar und wunderst dich. Dass du nicht fällst. Du tust es einfach nicht. Alles spricht dafür, aber nichts passiert. Dir passiert nichts. Und du gewinnst Vertrauen. Vertrauen in deine Flugfähigkeit. Es kommt dir vor wie eine gute Idee, auf die vor dir noch keiner gekommen ist. Oder eine vorteilhafte Gesetzeslücke, die nur du erkannt hast. Wann kommt das böse Erwachen? Aber du fliegst jetzt schon einige Zeit. Auf unterschiedlichen Höhen zwischen 5 und 20 Metern. Das ist nicht extrem hoch, aber trotzdem extrem unwirklich. Keiner außer dir kann fliegen. Wenn es um dich herum alle tun würden, wer würde sich da noch wundern.

Sicherheit
Du gewinnst an Sicherheit. Es ist nicht wie ein schöner Traum, aus dem man erwacht. Oder wie etwas Großes, das man sich vorgenommen hat: Nicht lange Vorbereitung und Mühe und dann der Ertrag. Auch nicht Schnellstart, Aufprall und dann langes Berappeln bis zum Ziel. Weder noch! Es ist leichter Start ohne Haken und Ösen. Ohne Wenn und Aber. Du fliegst. Es trägt dich. Das sind ungeahnte Hochgefühle. Da kommt nichts mit. Du kommst aus dem Staunen eigentlich nicht raus. Und während du denkst ‚Das kann doch nicht sein‘, währenddessen ist es doch. Die Realität erfasst dich nicht. Du bist in einer zweiten angekommen. Warum auch nicht. Es ist großartig. Du bist ganz oben. Alle staunen. Sind ebenso verwundert wie du. Dein Flug überzeugt sie. Sie glauben dir. Es ist große Klasse. Du repräsentierst eine Realität, die keiner für möglich gehalten hätte. Aber weil es dir gelingt, wirkt es glaubhaft. Du fängst an, dir selbst dein Fliegen zu glauben. Es gewinnt an Normalität. Du lehnst dich zurück und verlässt die Habachtstellung. Das Unmögliche gewinnt an Alltagscharakter.

Auserwählt
Es ist nicht so, dass jetzt um dich herum alle anfangen zu fliegen. Die Physikbücher müssen nicht umgeschrieben werden. Weiterhin regiert die Schwerkraft. Mit einer Ausnahme. Und die bist du. Es ist so ein großartiges Gefühl, so beschenkt zu sein. Du weißt nicht, womit du das verdient hast. Du weißt auch nicht, was es dich kostet. Normalerweise kostet alles etwas: Hochleistung, Zeit. Geld, Mitgefühl. Glück, Wohlstand. Bequemlichkeit, Vitalität … Aber du kriegst hier etwas geschenkt. Und du fängst an, dich daran zu gewöhnen. Es besteht nicht die Gefahr, dass du es durch fehlende Aufmerksamkeit verlierst. Denn du hast es nicht durch Aufmerksamkeit erworben.

Trotzdem
Und dann hat sie dich wieder zurück, die Schwerkraft. Bei einem Flug stürzt du ab aus 14 Metern Höhe. Du prallst unten auf. Du bist schwer verletzt, aber du überlebst. Du wirst nie wieder fliegen, weil es nicht geht. Du weißt nicht, wo du die letzten Wochen unterwegs warst. Keiner kann es dir sagen. Und rückwärts gesehen verwandelt sich die Zeit deiner Flugfähigkeit in einen Traum. Du weißt, es gab ihn, aber du bist verunsichert, wie wirklich er war. Und alles ordnet sich wieder den Naturgesetzen unter. Du erholst dich. Langsam nur. Und du glaubst nicht mehr daran, dass ein Mensch ohne Hilfsmittel fliegen kann. Aber du weißt nicht, was es war, was da war. Aber es war da.

Torftipp: 1) Wenn du die Kraft hast, den Sturz zu überstehen, flieg. 2) Flieg nicht.