20 Jahre Torfkurier, der Film






Erzengel Gabriel

Hamburger Fassadenschmuck.


Von Götz Paschen
Foto: Marlis Dülsen/pixelio.de

Ich sitze hier auf einer Strickleiter, hänge draußen am fünften Stock eines Bürogebäudes und friere. Klirrende Kälte und ich nichts an außer diesem wallenden weißen Umhang, dem Lorbeerkranz und den schweren Flügeln. Aber: Grandioser Blick auf die Alster.

Wetteifer
Sie kennen diese Scheiße: Kneipentour. Es wird gebechert. Ein dummer Spruch. Dicke Fresse. Eine Wette. Falsches Ehrgefühl. Und später hängt man in einer dieser behämmerten Situationen, aus denen einen dann Feuerwehr oder Polizei befreien müssen. Mit einem Schimpansenkostüm im Affengalopp fünfmal Zickzack durch die Nazidemo. 450 Antiintellektuelle. Aber Beleidigungen verstehen die schon. Und Jochen: "Gabriel, der Zaun. Du musst über den Zaun!" Hat gut Brüllen der Idiot, sicher hinter der Absperrung. Wie denn, wenn der Affenschädel mit den Gucklöchern verrutscht ist. (Dumpf:) "Ich seh' nix, Jochen! Wo denn?" "Rechts rüber! Du musst rechts rüber!" - Plötzlich wieder Gucklöcher. Ich greife das Gitter. Eine Fahne schwarz-weiß-rot. Die Fahnenstange trifft mich über der rechten Augenbraue. Ich seh' zwar aus wie ein Affe, aber klettern tu ich immer noch wie 0,3 Promille. Und die Faschos ziehen mir schon am Hosenboden. Ohne Einschreiten der Polizei hätten die mich zerpflückt. Sitze ich mit dieser Gummikappe auf dem Revier und das Gummi trocknet mit dem Blut auf meiner Haut fest. (Dumpf:) "Entschuldigung, ich krieg ganz schlecht Luft." "Drauflassen, das brauchen wir für's Foto", sagt einer. Ja, die Beamten wollen auch ihren Spaß haben.

Wiederholung
Und immer mit Jochen. Wie damals, als ich nach einem Besuch auf Kiez und Fischmarkt in Hagenbecks Tierpark zwischen den Walrössern lag und der eine Walrossbulle angriff. Schnappschüsse: Jochen im Ziegengehege mit dem Bock. Beide fressen Waffeln und Tüte. Und wer muss es wieder übertreiben? Ich neben dem Walross Edgar. Platt auf dem Bauch, den Kopf aufgestützt. Wir haben extra nachgelesen. Brunftzeit war rum, sieht friedlich aus, wird friedlich sein. Schon war ich über den Zaun und klettere über die Felsquader am Wassergraben vorbei zu Edgar dem Bullen. Ich leg mich hin, Jochen peilt durch die Linse. Edgar faucht mich wütend von der Seite an. Ich will weg, aber er hat sich umgedreht und liegt auf meinem Bein. Holt Schwung, ich komme frei, rutsche auf irgendeiner Scheiße aus. Der Steinquader direkt vor mir kostet mich meinen halben linken Schneidezahn. Der Tierpflege haut Edgar einen mit der Eisenstange mit Haken. Die toten Fische fliegen daher. Ich komme lebendig aus dem Gehege. Wenn nicht Fütterungszeit gewesen wäre, wer weiß ... Ich schenke dem Pfleger meine Rolex, die ich dem besoffenen Immobilienmakler auf dem Fischmarkt abgewettet habe. Wer kann schneller eine Tüte ungepulte Krabben essen.

Namensqualitäten
Nur weil ich Gabriel heiße und gesoffen habe, muss ich nicht stundenlang wie der Erzengel an der Fassade hängen und frieren. Es ist Februar. Unten winkt Jochen vom Alsterufer. "Hej, mach dein blödes Foto. Mir wird kalt." Brülle ich runter. Der kann natürlich nichts hören. Mein Handy klingelt. "Jochen?" "Ja, die Batterien der Kamera sind leer." "Jochen, hol mich hier runter." Der Wind rauscht im Handy. "Was? Ich geh' Batterien kaufen." "Nein, scheiß auf das Foto." Nur noch Rauschen.

Batterien
Jochen im Sonntagslädchen. Keine Kohle. Die Jacke mit dem Portemonnaie liegt oben neben der Heizung, an der wir mit dem Karabiner die Strickleiter festgemacht haben. "Ich zahl nachher, bitte." "Nee, nichts da. Hauen sie ab." Jochen greift zu, aber der Inhaber hat ihn auf den ersten fünf Metern. Und ich sitze hier oben. Unten schon eine Menschentraube. Ich komme alleine mit den riesigen Flügeln nicht wieder hoch zum Fenster. - 'Gebäude-Management' steht auf der Jacke meines Retters. "Haben Sie einen Vogel?", meint er. "Nein, das sind Kunstfedern. Sind sie der Hausmeister?" "Ja, so ähnlich. Und Sie?" "Fotomodell." - "Ich muss sie anzeigen wegen Hausfriedensbruch." "Geht in Ordnung." Wir sitzen in seinem warmen Auto. ‚Iron Maiden' singt gerade 'Fly like an eagle' im Radio. Er guckt zu meinen Flügeln auf der Rückbank und grinst zu mir rüber. Auf dem Revier treffen wir Jochen. Der Beamte will meinen Ausweis nicht sehen und kreuzt 'persönlich bekannt' an. - Drei Tage später ein Anruf: "Wir ziehen die Anzeige zurück, aber wir brauchen das Foto für eine Werbung." "Es gibt kein Foto", sag ich.

Vier Stunden später
Ich sitze hier auf der Strickleiter, hänge draußen am fünften Stock eines Bürogebäudes und friere. Klirrende Kälte und ich nichts an außer diesem wallenden weißen Umhang, dem Lorbeerkranz und den schweren Flügeln. Aber: Grandioser Blick auf die Alster.