20 Jahre Torfkurier, der Film






Entführung light

Ein naiver Plan: 5.000 Euro, keine Polizei, keine Gewalt.


Von Götz Paschen

Ich steh hier mit Lukas auf dem Spielplatz, und es regnet. Fußball spielen ohne seine Stollenschuhe und sein Vereins-Trikot findet er doof. Als ich dann bei einer Flanke im Matsch lande, ist der Bann gebrochen. Jetzt kämpfen wir wie die Tiger. Ich schwitze wie eine Sau und vergesse fast, dass in zehn Minuten sein Vater kommt. Ravioli mag er nicht. Und O-Ton: „Dein Auto ist ja wohl auch schon eine ziemlich alte Karre.“ Arschloch, kleines. Dafür kann er bei Jan Delay mitsingen und fragt nicht viel.

5 Riesen
Ich habe Lukas entführt. Also nicht richtig. Aber gleich kommt sein Vater und soll mir 5.000 Euro geben. Die Bank will mir morgen mein Konto sperren. Wegen 5.000 Miesen. Peanuts, sage ich. Das setzen andere mit Faktor 100 in den Sand und werden dann immer noch von ihren Bankern zum Abendessen eingeladen. - Ich bin zum Kindergarten und habe mir einen rausgesucht. Entführung klingt auch so groß. Das hört sich an wie 400.000 Euro. Polizeieinsatz. Verfolgungsjagd. Geknebelt im Keller. Oder wie „Ich schick schon mal einen kleinen Finger, wenn bis 16 Uhr an den Übermittler kein Geld übergeben wurde.“ Gewalt ist mir zuwider. Lukas war der Junge mit der teuersten Jacke. Mit Mädchen wär mir nichts zu spielen eingefallen. Also habe ich den genommen. Ich sage zu ihm: „Wie heißt du?“ *Lukas.* „ Lukas - genau, dann soll ich dich abholen. Deine Mama kann heute nicht.“ *Mich holt immer Natascha ab, unser Au pair.* „Die ist beim Friseur“, sage ich. Und er ist nicht argwöhnisch. Als ich die Ravioli warm mache, erklärt er mir begeistert mein Aquarium.

Zigarettenautomaten
Letztes Jahr habe ich mit der Akkuflex Zigarettenautomaten umgesägt. Lad mal so ein Teil alleine in den Kofferraum von einem Polo. Wenn du Pech hast, haben die meisten mit Geldkarte bezahlt. Die Albaner geben dir für die Kippen nur einen Bruchteil von dem, was du auf dem Flohmarkt und in Szenekneipen kriegen kannst.
Grund genug, Lukas kennen zu lernen. Der Junge sieht so aus, als wären für seine Eltern 5.000 entbehrlich. Keine wilde Geschichte. Hingehen, klingeln, das Kind abgeben, den Umschlag nehmen. „Guten Tag, hier ist ihr Lukas. Schönen Dank.“ Und nicht auf Wiedersehen. Keine Polizei und Frieden. Das war mein romantischer Plan. Entführung light: Spartarif für die Eltern, aber auch ohne Waffen, ohne Gewalt und nur einen schlanken Nachmittag.

Kleine Scheine
Der Vater meldet sich mit Drescher auf meinem Handy. Wir stehen hinter der Hecke. *Papa spielt garantiert nicht mit verstecken*, meint Lukas. Heute hat er aber Unrecht. Papa spielt mit. Er legt die vereinbarte Tüte neben den Mülleimer an der Sandkiste, geht wieder zum Auto und setzt sich rein. - Ich habe meinen romantischen Plan geändert. Du willst was Nettes und im Endeffekt läuft es doch auf das Gängige hinaus. Allen Menschen fehlt die Phantasie, einer guten Idee zu folgen. Ich gucke in die Tüte am Mülleimer. Hunderter! Ich rufe drüben im Auto an: „Herr Drescher, ich habe gesagt kleine gebrauchte Scheine. Was soll der Unsinn?“ Und der Vater: „Sorry, falsche Tüte.“ Arschloch. Ich gehe mit Lukas wieder hinter die Hecke. Die Rechte immer in der Jackentasche, damit er denkt, ich hätte eine Pistole. Drescher tauscht die Tüte gegen eine andere Tüte aus. Hin und her. Kleine gebrauchte Scheine, alles klar.
„Lukas, jetzt lauf zu deinem Papi.“ *Wir können doch noch zusammen eine Runde Fußball spielen*, meint Lukas. „Kannst ihn ja fragen.“ Und Lukas: *Oder wir treffen uns nochmal.* Ich sag: „Hand drauf, dein Papa hat ja meine Handy-Nummer.“ Der packt seinen Sohn ins Auto, und pflaumt ihn an: „Nicht mitgehen …“ Oder so ähnlich. VW-Touareg. Weg ist er.

Flucht
Ich fahre zu Uschi in die Wohnung. Verabredet war keine Polizei. 5.000 ist ja auch kein Geld für so ein prächtiges Kerlchen. Sollte klappen. - So naiv. Ich bin ein Idiot. - Am Einzahlungsautomaten habe ich schon das Geld im Fach liegen, da kommt die Meldung, 'Konto gesperrt'. Läuft alles nicht ganz glatt heute. Ich stecke das Bündel Scheine wieder in die Manteltasche und gehe nach Hause. Bei der Ecke beim Bäcker Zivilbullen: Eine Frau, ein Mann. Wie die aussehen, weiß ich vom Zigarettenhandel. Typisch Drescher: Erst die falschen Scheine abliefern und dann noch das hier.
Ich fahre mit der Straßenbahn nochmal zu Uschis Wohnung schnappe mir einen Rucksack und pack Klamotten und Wäsche von mir ein. Draußen werfe ich das Handy in eine Baugrube. Am Bahnhof schaffe ich gerade noch den Zug nach Osnabrück. Eine Stunde später stehe ich an der A 1, Raststätte Tecklenburger Land und kriege einen Lift Richtung Amsterdam. Wenn das Leben schräg genug läuft, ist das kein Grund das Steuer nach rechts zu ziehen und mit Hundert gegen einen Baum zu fahren. Auf einem Hausboot in Amsterdam einen neuen Start versuchen. Uschi müsste sich an meinen Traum erinnern. Und wenn nicht, dann ist das eben auch so. Irgendwas geht immer.