20 Jahre Torfkurier, der Film






Distanz 2

Abstand halten für Fortgeschrittene.

Von Götz Paschen

Foto: Scott Griessel/fotolia.com

Im Seminarteil 1 haben wir gelernt, die direkt erlebbare Wirklichkeit möglichst oft und weit von uns fern zu halten. Im Teil 2 lernen wir, die Menschen möglichst oft und weit von uns fern zu halten. Wiederholen wir zuerst die Ergebnisse von Teil 1: Leben, Liebe, Fröhlichkeit und Drama per TV oder PC. Die Ereignisse sind aufregender, die Schauspieler markanter oder schöner, die Dialoge geschliffener, die Bildwechsel häufiger. Das gleiche gilt für den Sport. Was sind Ihre realen kläglichen Leistungen gegen die von Spitzensportlern im Fernsehen? Andere können es besser, schöner, schneller. Das gleiche gilt für die eigene Intimität im Vergleich zur Pornografie. Sie ziehen auf allen Ebenen den Kürzeren. Einkauf im Internet. Nicht schmecken, fühlen, riechen, begegnen. Shop, Einkaufswagen, Enter, Päckchen. Bequem regiert …

Telefon/Handy

SMS hin- und herschreiben und Telefongespräche vermeiden. Keine Stimmfarbe. Knappe, harte Buchstaben plus Lachgesichter. Und das Geilste: Damit halten Sie gleich zwei Menschen auf Distanz. Denjenigen, dem Sie schreiben und denjenigen, der gerade mit Ihnen unterwegs ist. Optimaler Nutzen durch Doppeldistanz. Sprechmuschelkontakt ersetzt Besuche. Reden wir jetzt nicht über die 300 Kilometer entfernt aufrecht erhaltenen Kontakte. Und selbst da stellt sich die Frage, wäre mit weniger Telefon die Sehnsucht größer, wären die Besuche häufiger? Wer kann sich schon ein nettes Telefonat hinstellen wie eine Postkarte. Oder es noch einmal zur Hand nehmen und durchlesen und an derselben Stelle schmunzeln wie beim wiederholten Lesen eines Briefes.

E-Mail
Superpraktisch zur Übermittlung von Daten. Aber: Wer keine bibliophilen Gefühle bei schönen Büchern im Vergleich zum Download-Lesestoff entwickelt, wird auch nicht verstehen, was an einem Brief schön ist. Nicht Werbung oder Rechnung, sondern Privatpost. Parfümiert, bemalt, mit getrocknetem Gänseblümchen, ausgeschnittenem Herzen, reingestreutem Nordseesand … Machen Sie das mal mit einer E-Mail. Da geht einiges, aber dass Ihnen Sand auf den Schoß rieselt? Immerhin gilt 'Schluss zu machen' auf elektronischem Wege noch als niveaulos. Wer seelisch nicht so nah ran will, ist mit der Mail gut beraten. Beim Telefon hängen doch immer wieder mehr Emotionen drin. Heulen per E-Mail?

Zeit/Häufigkeit
Je mehr Telefonat durch E-Mails und SMS ersetzt werden, umso weniger akustische Emotion. Je mehr direkte Treffen durch Telefonate oder Chat ersetzt werden, umso weniger gefühlt, gerochen und begriffene Emotion. Da schwingt kein Raumgefühl mit. Die Atmosphäre ist um ein Vielfaches dünner ... Wer zwei Stunden ortsgleich telefoniert, hätte rüberfahren können. Wer Angst vor Kontakt hat, richtet sich sein Leben unterbrechungsreich ein, dass keine Dauer möglich ist, in der Nähe wächst. Onlinespiele statt Spielrunden. Partnerbörsen statt zu gucken, was das Leben einem so bringt …

Flucht bei Anwesenheit
Gemeinsam auf Bildschirme zu gucken, statt den anderen wahrzunehmen. Angucken? Ausweichen zuerst mit dem Blick und dann mit dem Rest. Privates vermeiden. Unternehmungslust als Flucht vor privater Begegnung: Unternehmen statt gegenseitiges Erlebnis sein. Im grandiosen Optimum körperliche Nähe nicht als Konsequenz von seelischer, sondern als Flucht vor der Möglichkeit zur Seelischen. Die Variationen sind unendlich, vielfältig und -schichtig. Wer es ernst meint, läuft sich und dem anderen nicht weg und klärt, was zu klären ist. Selbst vertiefendes Schweigen kann auf Distanz geredet werden. Es gibt keine Rezepte. Wir empfehlen Aufmerksamkeit für Gefühle und Dissonanzen, Selbst- und Fremdwertschätzung.