20 Jahre Torfkurier, der Film






Disco total

Läden, in denen wir üblicherweise nicht landen.


Von Götz Paschen

Wir stehen in einer brüllend lauten Bude. Auf den Boden ist Sand gekippt. Happy hour: Wodka-Red Bull für zwei oder einen Euro. Zwei Schwachmaten kaufen sich gleich 14 Gläser, bunkern die an einem Stehtisch neben dem Eingang. Zwei Bräute helfen mit leer trinken. Sprit schafft Gesellschaft. Neben mir ein Grieche, der gerade seine Pinte abgeschlossen hat und noch einmal entspannen will. Angenehmer Kerl, knappe Fünfzig, Hemd offen, Teva-Sandalen, steht auf die Wummsmusik hier. Ich kann sie nicht einordnen. Tanzbar, aber überhaupt nicht Ü-30. An der Wand laufen auf Großbildleinwand abstrakte Videos. Hin und wieder auch ein konkreter mit nackter Amazone, wehendem blonden Haar, die masturbierend auf einem roten Lederblock reitet.

Retrospektive
Heimaturlaub. Mal sehen, wo noch ‘was los ist. Vorab eine Musikkneipe ohne Musik. So’n bisschen irischer Stil auf Ruhrgebiet. Cliquenpublikum. Der Service ungefähr so verschlafen, wie die ganze Stadt. Das Gör, das uns bedient, kommt entweder gar nicht oder steht dreimal zu oft am Tisch. Und redet dummes Zeug. Der Zooladen aus meinen Kindertagen gegenüber ist jetzt Tattoostudio. Drüber kann man Klavier lernen, erfahre ich. Klarer Schnack und zentrale Neuigkeiten zum Thema seelische Gesamtreinigung. Wir sitzen draußen. Eine Stunde später als einzige unter Decken, wie die Omas auf Kur. Nette Begleitung, dass es einen wundert in einer Stadt, aus der fast alle weggezogen sind. Dabei hat sie eckenweise Charme: Zechensiedlungen und -gebäude, ostwestfälische Bauernlandschaft ... Aber nicht nachts hier mittendrin. Wir gehen durch die Stadt auf Piste. Auf der Meile gibt es angeblich auch mehr Schlägereien und weniger Tanzbuden als früher. Wer nicht fahren will, nach Münster oder ins Revier, hat keine Wahl.

Altersschnitt
So landen wir in unserer Disco, in der fast alle Anwesenden unsere Kinder sein könnten. Hier und da würde man in dem Fall ein Alkoholverbot aussprechen. Sie langen satt zu. Baseballmützen, Kurzgeschorene, ärmellose T-Shirts, glattgekämmte Mädchenfrisuren. Getanzt wird mit Flasche in der Hand. Am Diskjockeytisch stehen sie gleich zu viert und sortieren die Musik. Naiv betrachte ich alle mit väterlichem Lächeln. Erfahre dann von dem Griechen, dass hier letzte Woche ein Farbiger von einem mutigen Zehnleuterudel krankenhausreif geschlagen worden ist. Das dämpft meinen ansonsten offensiven Tanzstil und lässt mich aufpassen. Den Laden hält ein Türsteher von Sonderformat sauber. Schleppt hin und wieder eines der Kerlchen an der Jacke nach draußen, ist mit Funkohrknopf ferngesteuert. Geprügelt wird auch nicht in der Bude, wie ich erfahre. Man folgt dem Abschiednehmenden und klärt das eine Ecke weiter, wo der Türsteher nichts mehr zu suchen hat. Die Discobegleitung des Farbigen soll verzweifelt versucht haben, den Verletzten in einem Krankenhaus behandeln zu lassen. Taxifahrt kreuz und quer durch die Stadt, bis die Notaufnahme des dritten Krankenhauses nicht ablehnt.

Flackerlichter
Von den Bewegungen her können sich die Gäste hier sehen lassen. Besonders einige Jungs kommen ganz flüssig rüber. Die Dampfkanone hüllt das ganze Geschehen immer wieder in Kunstnebel. Wie überall tanzen die, die sich produzieren wollen auf dem schmalen Rand der zweiten Ebene. Wer nicht tanzt, trinkt. Die richtig Strammen werden vom Türsteher zeitig aussortiert. Als Flaschensammler fungiert ein Liliputaner mit breitem Kopf, der emsig zwischen den Tischen hin- und herwuselt und auf die Ellenbogen aufpassen muss. Barkeeper und Mädels haben alles im Blick. Der Laden läuft. Schwer einzuordnen, diese Szene. Häufig auch weit jenseits von Hochdeutsch. Die Pärchenkonstellationen und -bildung sind auch nicht eindeutig. Vielleicht auch noch zu früh. Oder später unmöglich. Wodka-Red Bull sorgt zwar für die gewünschte Enthemmung, nimmt ihnen aber auch den nötigen Drive. Der Grieche betastet beiläufig den Hintern meiner Begleitung, während sich seine Frau am Tresen mit einer Bekannten unterhält. Die drückt währenddessen permanent auf ihrem Handy rum. Das wirkt wie immer etwas verblödet und introvertiert. Sie kann den Gegenbeweis aber auch nicht antreten, weil man sich bei dem Lärm zum Reden gegenseitig ins Ohr beißen muss. Danach erfahre ich von der Gattin des Griechen einige weitere Schlägergeschichten. Ich höre einfach zu und spare mir, zu überlegen, was ich glauben soll. Ich habe frei.