20 Jahre Torfkurier, der Film






Dilettanten ausrotten

Bremer Senatsmitarbeiter erschießt Straßenmusiker.

Von Götz Paschen

Foto: m. gade_pixelio.de

Ich sitze hier in Untersuchungshaft und bin angeklagt wegen Mordes. Der Verteidigung wird es schwer fallen, da etwas für mich rauszuholen. Ich habe letzten Freitag um zehn Uhr einen Straßenmusiker erschossen. - Vorab mal eins: Mich kotzt jeglicher erweiterte Kulturbegriff an. Egal, was Beuys gesagt hat. Klassik und Jazz lasse ich gelten. Benn und Mann auch. Die blauen Reiter et cetera – gehen auch in Ordnung. Aber es ist nicht jeder Dreck, den sich ein Unbegabter rausleitert, Kultur oder gar Kunst.

Musik
Ich arrangiere die Musik für eine Big Band. Wir sind alle Profis. Dass ich nebenbei im Amt sitze, tut nichts zur Sache. Wenn in der Kunsthalle ein moderner Schmand ausgestellt wird, mein Gott, dann gehe ich da nicht rein. Schlechte Bücher kann man weglegen. Es gibt Ausweichmöglichkeiten. Eine Ausnahme: die Musik. Wenn da ein Minderbegabter meint, er hätte etwas vorzutragen, hört das jeder in Reichweite. Nicht umsonst spricht man im Zusammenhang von Geräuschen auch von Lärmemission. Einwand: ‚Beim Straßenmusiker kann man ja weitergehen.‘ Stimmt: Sie schon. Ich nicht. Ich sitze hier im Rathaus in meinem stickigen Büro mit Blick direkt auf den Roland. Wenn ich frische Luft haben will, mache ich das Fenster auf. Und wenn es offen ist, höre ich – Straßenmusik. Die Ecke Rathausplatz Richtung Schnoor ist in Bremen die beliebteste und ertragreichste für Straßenmusiker.

Daneben
Was da geboten wird, mag sich kein Schwein, das halbwegs Gehör hat, antun lassen. Wenn Sie keine Ahnung von Musik haben, können Sie gern mitschunkeln oder einen Euro in den Hut werfen. Wer sich nicht auskennt, darf es schön finden. Ahnungslosigkeit ist ein sicherer Schutz gegen diesen Schmerz. Diese Dilettanten zerstören jedes Stück und meine Nerven: durch falsche Intonation, falschen Rhythmus, vergessene Pausen, nicht erkannte Tonartwechsel, Mischung von Tonleitern bei der Improvisation ... Ich könnte täglich aus dem Fenster springen oder herunterlaufen und ihnen ihre Instrumente um die Ohren hauen. Das Saxophon auf den Schädel, die Gitarre ins Kreuz, die Ziehharmonika zwischen die Beine. Diese Geräusche sind eine Beleidigung, Gewalt und in Wahrheit Körperverletzung. Sie zu unterbinden, ist meinerseits reine Notwehr. Ob das Gericht dieser Darstellung folge, sei fraglich, meint mein Pflichtverteidiger. Auf die Frage, was er denn für Musik höre, wollte er mir nicht antworten. Das tue hier nichts zur Sache. Wobei ich mich frage, wie will er mich angemessen verteidigen, wenn er mich überhaupt nicht versteht.

Schusswaffen
Der mit der Klarinette ist besonders penetrant. Der geht mir seit drei Jahren auf die Nerven. Letzte Woche Freitag um zehn Uhr habe ich ihn mit dem Kleinkaliber vom Fenster aus abgeknallt. Selbst das Geschrei der Passanten, der Notarzt- und der Polizeiwagen konnten mir diesen Augenblick sanfter Stille nicht nehmen. Er war augenblicklich tot. Und ebenso schnell war es gänzlich still. Mit dieser Erklärung wollte sich mein Verteidiger nicht zufrieden geben. Ich habe nicht mehr zu meiner Entschuldigung zu sagen. Es ist die Frage, wie viel man bereit ist von seinem Leben zu opfern, für einen großen Moment. Ich habe es riskiert und einen großen Moment erlebt. – Sie opfern für Ihre mittelmäßige Familie, Ihre mittelmäßige Immobilie und Ihr mittelmäßiges Auto doch auch Ihre ganze Lebens- und Schaffenskraft. Vielleicht setzen wir die Prioritäten nur an verschiedenen Stellen.

Torftipp: Straßenmusik am Roland? Schusssichere Weste!