20 Jahre Torfkurier, der Film






Die Handtasche

Oder: Wie Babsi mich rumkriegte.


Von Götz Paschen
Foto: Rike_pixelio.de

"Nein Babsi, du gehst nachher zu dir nach Hause. Wir kennen uns doch erst ein halbes Jahr. Wir haben weder den Segen meiner, noch deiner Eltern. Mein Bausparvertrag ist erst in fünf Jahren fällig. Mein Gehalt reicht nicht für einen Fünf-Personen-Haushalt. Und wenn die Kinder später alle drei studieren wollen, erst recht nicht. Ohne Geduld kann keine Liebe wachsen." Aber auch das schert dich einen Dreck: "Nein, ich schlafe heute bei dir." Letztens haben wir uns beim Spaziergang an der Hand gehalten und auch schon einmal geküsst. Aber alles zu seiner Zeit.

Streit im Treppenhaus.
"Es ist nach zehn. Ruhe jetzt!", brüllt einer aus dem vierten Stock das Treppenhaus runter. Stinksauer nimmst du im Treppenflur den Ersatzschlüssel aus dem Versteck im Sicherungskasten, schmeißt ihn in deine Wohnung und ziehst die Tür zu. Dann reißt du das Fenster zum Garagenhof auf, und im hohen Bogen fliegt deine Handtasche in die Dunkelheit. "Und wo soll ich jetzt schlafen?" Scheinheilig schaust du mich an. Treppe runter - ich krieche auf allen Vieren durch das Laub im Garagenhof, suche im schwachen Schein meines Handys alle Ecken ab. Da ist sie. Hände waschen und los.

Nachts unterwegs
Du schmeißt deine Handtasche in die Weser. Ein Hechtsprung. Ich kann sie gerade noch rausfischen. "Hej", sag ich, "was soll das?" Nichts zu machen - im zweiten Anlauf lässt du das Ding beim Italiener an der Garderobe hängen. Ich stürme zurück und hole sie wieder. Handy, Geld, Haustürschlüssel - alles noch kompletti. Zehn Minuten später: "Und jetzt - wo ist sie?" - "Habe ich im Taxi vergessen." Ich reiße die Tür zum nächsten Taxi auf, und wir nehmen die Verfolgung auf. Eine Viertelstunde später, am Arsch der Welt, haben wir ihn. Ich springe hin zum vorderen Taxi und schnappe mir die Handtasche vom Rücksitz. Dadurch entsteht mit dem anderen Beschützer ein naheliegendes Missverständnis. - Auf die Augen, auf den Sinn. Nach der Schlägerei sehe ich weniger und fühle mich etwas benommen. Halte aber die Beute fest umklammert. Babsi erklärt dem Kontrahenten das Missverständnis. Nach meinem Gefühl drei Minuten zu spät. Ich schmecke Nasenbluten, wühle im Beutestück und finde Taschentücher. Hat doch alles immer auch sein Gutes.

In der Disco
"Die Tasche können sie auch hier an der Garderobe abgeben. Da ist sie gut aufgehoben." Das war die Garderobenfrau. Zerknirscht gibt Babsi das Teil in Sicherheit. Kurz darauf vor dem ersten Bier: "Ich brauch mal Lippenstift." Holt sie und lässt sie auf dem Stehtisch liegen. Ich komm vom Tanzen, seh das und bring sie zurück zur Garderobe. "Nummer 414." - Babsi: "Sie sind aber blass. Wie wär's mit etwas Rouge?" Die Frau am Nebentisch guckt etwas irritiert: "Hab ich nicht mit." Babsi ganz hilfsbereit: "Hol ich ihnen." Zack, da liegt sie wieder auf dem Tisch. Das Portemonnaie hängt halb raus. Ich bring sie zurück. "Nummer 414." Die Garderobenfrau guckt etwas genervt. Ich geb ihr einen Euro Trinkgeld. Sie missversteht mich, gibt mir eine neue Marke und hängt die Tasche auf die 813. Auch gut. Babsi bequatscht gerade eine weitere Frau zu ihrem Lippenstift, zockelt los und kommt triumphierend mit der Tasche zurück. Ich wieder hin. Genervter Blick von Ute an der Garderobe. Inzwischen duzen wir uns. Ein Euro. Nummer 867. Nach einer Viertelstunde ist das halbe Lokal lippenrot lackiert. Vereinzelt auch Männer. Ich habe mehr in Garderobenmarken investiert als in Getränke. Beide Hosentaschen ausgebeult von den Klapperdingern. Die Hose rutscht. Ich tausche mein Oberhemd gegen einen Ledergürtel und tanze oben ohne. Die johlende Bande tobt, und ich bin ihr Held.

Geklaut
Ich geb's auf und lasse Babsi rumspinnen. Als wir wieder zum Tisch kommen, ist die Tasche weg. "Mensch, mein Handy, das Geld und der Haustürschlüssel!" Ja, Käse auch. Ich frage an der Garderobe nach. Ute kontrolliert alle 42 Garderobenmarken durch. Wir durchwühlen alle Ecken im Lokal. Weg. Nichts zu machen. Wir fahren zu mir nach Hause. Ich habe alles versucht, was in meiner Macht steht. Aber ich musste kapitulieren und sie mitnehmen. Meinen Eltern habe ich es ein halbes Jahr später erzählt. Meiner Frau und den Kindern am Morgen danach, als Babsi gerade oben duschte.

Anderer Schluss
Na gut, Scheiß-Schluss. Version zwei: … ich musste kapitulieren. Vor der ersten Nummer habe ich meine Tarot-Karten aus dem Schrank geholt. Zwei Singles mit einer großen Zukunft. Das Schicksal scheint uns wohlgesonnen. Auf geht's - hinein ins Vergnügen.