20 Jahre Torfkurier, der Film






Die Eindimensionalität von Welt

Oder: Wem gehört der Rand vom Teller?

Von Götz Paschen

Foto: Bernd Kasper/pixelio.de

Schickes Restaurant, teures Essen und eine wichtige Frage: Wem gehört der Rand vom Teller? Darüber streiten sich Koch und Kellner. Der eine will in der Küche auf großem Teller mittig das Gericht platzieren und den Tellerrand mit getrockneter Petersilie bestäuben, hier und da mit einem Farbtupfer Blüte. Der andere möchte sich die Finger nicht schmutzig machen und am Tisch nicht seine weiße Daumenmarke auf dem bunten Tellerrand hinterlassen. Oder beim Nachtisch: Es thront das Vanilleeis nebst Dosenbirne und darüber einige wilde Schwünge Schokoladensoße quer über den Teller. So wüst, dass Salvador Dali erblasst wäre vor Neid. Das macht der Koch. Und wer hat wieder die Finger drin. Der Kellner – und regt sich auf. So haben sie täglich ihr Scharmützel und geraten ins Debattieren. Wer am Imbiss kocht, dem ist das Thema fremd. Was sich uns nicht eröffnet, allein weil es uns nie berührt.

Der Briefkasten
Wo hängt ihr Briefkasten? Am Haus. Oder am Gartenzaun. Fragt man den Briefträger, was er besser findet, nennt er den Gartenzaun. Das spart ihm hochgerechnet auf Jahre Kilometer. Und das bei allen Häusern … Gar nicht auszudenken. Aber Sie dübeln gedankenlos den hübschen kleinen Briefkasten an Ihr Haus. DIN A4 passt quer nicht rein und guckt hoch raus. Ein Zeitungsrohr fehlt völlig. Die Beschriftung auf dem Schildchen auch, steht doch an der Klingel. Und Sie finden es gut. Er aber nicht. So verschieden sind die Realitäten. Der eine denkt über seine Hüfte nach. Wie die nach 30 Jahren Beruf wohl auf das permanente Ein- und Aussteigen ins Postauto reagiert. Und Ihrer Hüfte sind die zwanzigmal pro Woche schlicht egal.

Die Gewalt
Kiez-Keller oder illegale Freistilkämpfe hinter Drahtverhau in komischen Hallen im Osten. Rasierte und bunte Nationalitäten. Immer auf die Fresse. Auch mal auf dem Jahrmarkt. Die Frau kotzt es schon an. Sie kennen es nicht anders. Als Profi und Türsteher, genauso wie in der aufgeregten Privatzone. Vorher als Beruf ein unterer Rang und die klare Linie beim Militär. Trotzdem nichts anderes als nackte Gewalt. Was der eine nur als Verteidigungshaushalt aus der Zeitung kennt, hat der andere konkret in der Hand. Während Gewalt Ihren Lebensalltag allumfassend bestimmt, erfahren andere diese Welt als gänzlich friedlichen Ort.

Der Nachwuchs
Kinder sind für Sie ein Anlass, im DVD-Regal unten rechts in die Ecke zu greifen mit den fünf Kinder-Filmen. Die haben bisher immer ausgereicht, wenn Freunde und Bekannte mit Kindern zu Besuch waren. Störung abgestellt, Unterhaltung möglich. - Bäuerchen, vollgespuckte Blusen, durchwachte Nächte, erste Zähne. Schulrandale, Shisha und stinkende Sportklamotten. Führerschein, Berufswahl, Schwiegertöchter. Fremdworte, beziehungsweise zentrale Themen. – Und wer hat Recht? Wem gehört die Wirklichkeit? Ist es eine Frage von Durchsetzungsfähigkeit oder Verständnis? Ist das alles nur Hirnscheißerei von Leuten, die Zeit haben? Ist doch klar, dass Beruf und privates Umfeld die Wirklichkeit gestalten und die Wirklichkeitswahrnehmung beeinflussen.

Woanders
Wem gehört das Land? Dem, der seit Generationen darauf wirtschaftet und seine Familie damit ernährt? Oder dem (Konzern), der es kürzlich gekauft hat? Wieso soll das T-Shirt so billig sein? Und wer pflückt die Baumwolle unter Bedingungen, zu denen ich und Sie nicht einen Tag lang antreten würden? Wem gehört die Welt? Und wer hat zu sagen, welcher Sichtweise jetzt oberste Priorität beigemessen wird? Und das TTIP ‚Frei‘handelsabkommen? Studium, Schlips, Kragen, Staatsoberhaupt und hängende Mundwinkel erwirken keine Deutungshoheit. Der Vater, dem sie im Gazastreifen drei Kinder weggebombt haben, sieht viele Themen sicherlich anders, als die Staatsoberhäupter. Gibt es flachere und tiefere Realitäten? Sind die Tieferen die Gültigeren? Versteht man den Poststreik mit Hüftschmerzen besser als ohne? Versuchen Sie einmal an Informationen aus der zweiten Reihe zu kommen? Sie werden erstaunt sein, wie viel anders die Welt aus dieser Perspektive aussieht.

Torftipp: Eine meiner drei liebsten internationalen Organisationen und Informationsquellen www.medico.de