20 Jahre Torfkurier, der Film






Deutungshoheit

Warum es wichtig ist, Begrifflichkeiten zu besetzen.

Von Götz Paschen

Fotos: Rudolpho Duba/pixelio.de

Lassen Sie es sich nicht nehmen, Worte und Begriffe zu besetzen. Und wenn Begriffe fehlbesetzt sind, lassen Sie es sich nicht nehmen, um die Besetzung der Begriffe zu streiten. Lassen Sie es sich im Zweifelsfall auch nicht nehmen, den gleichen Begriff ein zweites Mal neben den ersten zu stellen. Und ihn dann im Gegensatz zu ihrem Gegenüber oder der restlichen Welt anders zu besetzen. Fangen wir einfach an: Wir nehmen das Wort nett. „‘Nett‘ ist die kleine Schwester von Scheiße“, lautet ein Spruch. Mag sein, aber Sie müssen diese Besetzung des Wortes nicht übernehmen. Ich finde ‚nett‘ eine sehr schöne Eigenschaft. Und wenn jemand nett ist, dann ist er für mich wohlwollend und zugewandt. Wenn mit mir jemand redet, ist nett immer noch nett. Und bei diesem Wort sind wir noch in der unverfänglichen Vokabelzone. Mit dem Wort ‚Rasse‘ muss man schon vorsichtiger sein, wenn es nicht um Rassegeflügel geht. Es gibt Vokabeln, da wird es Ihnen die nächsten 60 Jahre nicht gelingen, die neu zu besetzen.

Hoheit
Deutungshoheit und Hoheit sind immer eine Machtfrage. Wer Macht abgibt, hat weniger. ‚Eure Hoheit‘ ist nicht nur in schlechten Ritterfilmen die Anrede für den König. Deutungs- und Bedeutungshoheit sind wichtige Felder zur Entwicklung individueller Souveränität. Das fängt schon beim Kleinkind und dem klaren ‚Nein‘ zum nächsten Löffel Brei an. Wenn es sein ‚Nein‘ durchsetzt und bestätigt sieht, entstehen eine wichtige Körpergrenze und angemessene Autonomie.

Situationen
Wer das letzte Wort hat zu einer Frage, hat abschließend definiert. Wenn Sie anders definieren wollen, lassen Sie dem anderen nicht das letzte Wort. Haken Sie ein oder nach. Das wirkt vorwitzig, vorlaut, unversöhnlich, frech und nervend. Aber wenn es sich für Sie lohnt, seien Sie doch bitte vorwitzig, vorlaut, unversöhnlich, frech und nervend. – Auch hier findet gerade eine Umdeutung statt. Wer – wie auch immer – entschlossen falschen Begrifflichkeiten entgegentritt, macht etwas richtig. Wer sich ohnmächtig fühlt, kann sich einen Teil seiner Macht zurückholen, indem er damit anfängt, sich Begrifflichkeiten wieder anzueignen. Wenn Ihnen etwas nicht passt, holen Sie sich zuerst die Vokabel oder Begrifflichkeit wieder auf Ihre Seite rüber. Und danach überzeugen Sie andere von Ihrer Sicht der Dinge. Laut Schwarmtheorie reichen 5 bis 10 % der Menge, die einen Richtungswechsel vornehmen, um einen gesellschaftlichen Wandel einzuleiten.

Machen
Dem Reden folgt das Machen. Wenn Sie selbst eine Überzeugung formulieren, halten Sie sich auch in Ihrem Handeln daran. Wenn Sie jemand kleingemacht hat, formulieren Sie Ihre Standpunkte deutlich und Sie wachsen. Wenn der Gegenüber Ihnen nicht folgen will und Sie ihm nicht, verringern Sie den Kontakt und setzen sie sich nicht länger der für Sie schädlichen Sicht der Dinge aus. Die Gleichgültigkeit, mit der Sie über falsche Begrifflichkeiten im Privaten wie im Politischen hinweggehen, ist bequem. Wenn es um ‚nichts‘ geht, ist sie sogar sinnvoll. Wenn es sich aber für Sie lohnt, haken Sie ein und nach. – Wie oft habe ich schon Menschen voller Inbrunst und Überzeugung den größten Scheiß reden hören. Und im Raum war das danach die vorherrschende Wirklichkeit. Und letztens war ich bei einer Musikveranstaltung, da stimmte von der Plakatierung, über das Zelt bis zum Sicherheitsdienst und der kulinarischen Versorgung alles. Aber die Musik war völlig mäßig. Nur kam man gar nicht auf die Idee, das zu denken, weil der Rahmen so perfekt war. Die Veranstaltung war der letzte Dreck gegen vieles, was sich leider schlechter präsentiert. Wer mit viel Brimborium meint, seins wär’s. Dem kann man doch nur entgegenhalten: Ne, meins ist es!

Konkret
Sagen Sie endlich Sätze wie: Das geht so nicht mehr. Ich sehe das anders. Das mache ich nicht mehr mit. Entweder du hörst mir zu Ende zu, oder wir brechen das Gespräch ab. Ich gucke mir das jetzt nicht länger an – wir kommen jetzt zu einem anderen Ergebnis oder ich ziehe in vollem Umfang meine Konsequenzen. Wenn Sie den Kontakt aufrechterhalten wollen, gelten unter anderem folgende drei Regeln. Diese Regeln zu überschreiten, hat zur Folge dass …

Torftipp: Deutungshoheit aneignen.