20 Jahre Torfkurier, der Film






Der Schirmständer

Berufsfremder Arbeitseinsatz.

Von Götz Paschen

Foto: Thomas Max Müller/pixelio.de

Komme ich letztens zu einem Interview und die Sonne scheint. Der Plan: Wir führen das Interview im Garten. Die Interviewpartnerin, eine Dame im fortgeschrittenen Alter, fragt, ob ich einmal den Schirmständer rüberrollen könne. Der sei ihr zu schwer. Ja, und hier seien auch die Stange und der Schirm, derweil sie etwas Saft hole. Klingt ja erstmal arbeitsteilig beschaulich. Und vorne habe sie auch noch eine Terrasse. Der zweite Schirmständer stehe um die Ecke. Schirm und Stange seien in der Garderobe. Zum Sitzen bräuchten wir auch noch Gartenstühle. Die stünden im Keller, nebst Tisch. Entsprechend auch die anderen sechs Stühle. Wo ich doch gerade schon dabei sei. Vier bitte für vorne. Und einen Eimer mit warmer Lauge und Lappen zum Abwischen stellt sie mir auch bereit. Meinen Widerstand, ich sei ja eigentlich zum Interview gekommen, wischt sie lapidar vom Tisch. Das einzige Mal, dass sie etwas wischt an diesem Nachmittag. Ich füge mich stoisch in mein Schicksal. Was Sie als Leser wundern mag. Aber suchen Sie einmal selbst in Ihrem Leben, in wie viel Unsinn Sie sich brav fügen. Und das ohne sichtbaren eigenen Vorteil! Muss ich es weiter erläutern?

Kräuterspirale
Der eine auf der vorderen Terrasse rechts sei aber nicht ordentlich abgewischt. Ich entschuldige mich und wische ihn erneut. Danach mache ich mich daran, das Fallrohr der Regenrinne an der Ostseite ordentlich zu befestigen. Fahre mit der Schubkarre zentnerweise Bauschutt für die Kräuterspirale hinten zum Kraftort und verweile zum Auftanken. Wir Journalisten sind so viel Schubkarre fahren nicht gewöhnt. Ich stelle mich in das Zentrum zweier Achsen zwischen vier Findlingen und fühle die Energie. Prompt geht einem das Bauschuttschaufeln auch leichter von der Hand. Mein weißes Hemd hängt mir verschwitzt und verdreckt aus der Hose. Ich winke müde zwei Passanten. Sie rufen mich ans Törchen. Ich erkenne sie, zücke eine meiner journalistischen Visitenkarten, streiche den Verlag, schreibe ‚Hausmeisterservice‘ über meinen Namen und reiche sie über den Zaun. Aufträge können ja nicht schaden. Wer heute noch Intelligenz außerhalb von Amazon-Algorithmen verkaufen will, ist schief gewickelt. Im Übrigen kriegt man von Gartenarbeit und Sonne auch braune starke Arme. Und da stehen die Mäuse drauf. Während ein geschliffener Gedanke keiner die zarte Sehnsucht oder die blinde Geilheit ins Gemüt treibt.

Baumfällung
Als ich den verstopften Siphon unter der Spüle repariere – ich liege – läuft mir die ganze Scheiße oben ins Hemd rein. Ich bilde mir ein, maskulin zu stinken und fühle mich wie ein kerniger Installateur. Während ich den Sperrmüll vorne an die Straße trage, treffe ich zwei Bekannte, nehme eine Visitenkarte, streiche den Verlag und schreibe ‚Installateur – Installationen aller Art‘. Ich gehe etwas Saft trinken, finde aber meinen Platz besetzt von einer lieben Freundin der Dame, die auch mein Glas leergetrunken hat. Aber: Ich erhalte meinen nächsten Auftrag. Unterwegs zum Schuppen trinke ich heimlich aus der Wassertonne. Mit der Kettensäge fälle ich drei hundertjährige Eichen. Eine fällt leider in das Nachbarhaus und schlägt mit einem großen Ast ein Riesenloch in das Dach. Ich gucke mir den Schaden von drinnen an. Der Eichenast hängt sehr dekorativ quer durch das Wohnzimmer. Die bestürzten Eheleute kann ich trösten. Gemeinsam prüfen wir in ihrer Versicherungsakte. Ich fülle die Schadenanzeige online für die Versicherung aus, zücke eine Visitenkarte, streiche den Verlag und notiere ‚Versicherungsberater‘ über meinem Namen.

Pornoshow
Eigentlich würde ich gern mal eine Pause machen. Aber die Damen haben vier weitere Freundinnen eingeladen, sitzen alle in Unterwäsche likörschlürfend im Wohnzimmer und ich soll eine Show abziehen. In Lack und Leder gehe ich peitscheknallend über den Läufer und pose lasziv. Es stinkt nach Abflussrohr und Männerschweiß. Sie sind begeistert, kreischen und stecken mir allerlei Scheine und Kleingeld in mein Bustier und die Lederunterhose. – Als ich mich daheim entkleide, komme ich mir vor wie ein dukatenscheißender Esel. Neben Papiergeld finde ich auch eine Visitenkarte. ‚Coaching‘ ist durchgestrichen. Drüber steht jetzt ‚Pornoproduktionen‘. Ich klemme Sie mir an den Flurspiegel. Man kann ja nie wissen.

Torftipp: Visitenkarten.