20 Jahre Torfkurier, der Film






Der Echsensee Folge 2

Sich seinen Ängsten stellen.

Lesen Sie hierzu zuerst Folge 1 aus der Februarausgabe 2011 oder hier

Von Götz Paschen

Sabine hat ordentlich rumgemeckert. Sie wollte lieber an die Nordsee. Mit Urängsten und so hat sie es nicht so. Für die Seelenexperimente bin ich in unserer Ehe zuständig. Als ich ihr nach der Bodenseereise von dem See mit hunds- bis kalbsgroßen Echsen erzählte, wollte sie mir nicht glauben. Ich sagte dann auch noch, da gehöre eine kleine Burg dazu und das Ganze sei für 18.000 Euro zu haben. Da hat sie mich für bekloppt erklärt. ”Wenn wir das ‘olle Gemäuer’ kaufen, kriege ich auch meinen gebrauchten Mazda MX 5.” ”Und wo sollen da die Kinder sitzen?” - ”Und wozu brauchen wir eine Burg in Süddeutschland zur Urangsterforschung?” Wir sind dann mit dem MX 5 runtergefahren. Die Kinder haben wir bei meinen Eltern gelassen.

Konstanz
Den Immobilienmakler in Konstanz überreichte uns die Schlüssel. Als wir aussteigen, ist Sabine begeistert. Schnuckelige Burg, malerischer See, wieder bestes Wetter. Wir schleppen die Taschen in das Butzenscheibenzimmer. Zum Auspacken kommen wir nicht, sondern fallen in dem breiten Eichenbett übereinander her. Kein schlechter Anfang. Mir kommt es vor wie auf Hochzeitsreise. Dann laufen wir um den See. Wenn man näher rangeht und vom Ufer aus schaut, sieht man hin und wieder eine dieser großen Echsen. Die hatten mich schon bei meinem ersten Besuch fasziniert. Sabine ist entsetzt: ”Kommen die nicht an Land?” Und: ”Da willst du rein?”

Harpune
Ich weiß ja selbst nicht, ob sie angreifen. Meine Idee war, in der Nähe vom Rand mit Harpunen zu schnorcheln. In einem Schuppen finden wir ein Boot. Bei der Bootstour zählt Sabine 21 Echsen. Alle eher abwartend ruhig. ”Was fressen die wohl?” ”Badegäste.” Ich versuche einen Spaß zu machen. Mir ist aber selber mulmig. Vor lauter Beklommenheit vergessen wir abends und morgens uns gegenseitig zu vernaschen. Irgendwie sind wir uns einig, wir wollen das mit den Harpunen probieren. Auch wenn es Wahnsinn ist. Kennen Sie das: Das Leben läuft klar und in geregelten Bahnen. Und Sie reizt etwas Neues und Verwegenes, wodurch Sie Ihr altes Leben komplett gefährden?

Bikini
Sabine sieht im Bikini hinreißend aus. Mit Flossen, Taucherbrille, Schnorchel und Harpune schon weniger. Wir schwimmen fünf Meter rein. Das Wasser ist höchstens anderthalb Meter tief. Da sehen wir vor uns unsere erste Echse. Und dann geht alles ganz schnell: Ich schwimme näher ran. Sabine die Harpune schussbereit. Mir geht der Arsch auf Grundeis, aber ich wage mich langsam vor. Da schnellt hinter Sabine eine Echse heran und packt sie mit ihrem aufgerissenen Kiefer am Bein. Als ich Sabine helfen und die Harpune abdrücken will, greift mich das zweite Tier seitlich an. Mit einem knirschenden Geräusch trennt es mir unterhalb des Ellenbogens den rechten Unterarm ab und verzieht sich blitzschnell in einer Staubwolke. Ich sehe zerfetztes Fleisch, Haut und Sehnen unterhalb des Stumpens im Wasser schweben. Ein stechender Schmerz macht mich beinahe bewusstlos. Aber kein Blut im Wasser, nichts. Sabines Echse ist auch weg. Sabine schleppt sich durchs Wasser zum Ufer und zieht sich stöhnend die Böschung hoch. Ihr fehlt der halbe Unterschenkel. Bei dem Anblick schießen mir die Tränen in die Augen. Ich lasse mich neben sie fallen und werde zwei Sekunden später ohnmächtig.

Nachwachsen
Als ich wieder zu Bewusstsein komme, wimmert neben mir Sabine. Wir beobachten etwas Unmögliches. Innerhalb von nur fünf Minuten, die wir dort liegen, wachsen uns die abgerissenen Gliedmaßen unversehrt nach. Als wir aufstehen, um in die Burg zu gehen, können wir uns schmerzfrei bewegen. - Im Laufe der nächsten drei Tage wiederholen wir vormittags diese Tauchgänge. Es ist jedes Mal grauenhaft. Die Verstümmelungen sehen entsetzlich aus. Täglich haben wir Sorge, im See bewusstlos zu ersaufen. Täglich wachsen abgerissene Gliedmaßen nach, heilen Verstümmelungen in Minuten. Wie in Trance verbringen wir jeweils die zweite Tageshälfte. Für Freitag, den fünften Tag um 11 Uhr, sind der Makler, der Notar und die Eigentümer, ein älteres Ehepaar, bestellt. Wir sagen den Termin nicht ab. Die Unwirklichkeit der Situation hat uns in ihrem Bann geschlagen und lässt uns nicht wieder los.

Unterschrift
Makler und Notar sind pünktlich, ich sitze unruhig am Tisch. Sabine ist zu ihrem fünften Tauchgang allein aufgebrochen und will nachkommen. Da erscheint das ältere Ehepaar und mir wird speiübel. Er in kurzer Hose humpelt mit einer Beinprothese ab dem rechten Unterschenkel. Ihr fehlt der Unterarm. Makler und Notar schauen sich vielsagend an. Ich stottere ihn an: ”Aber, aber wie kann das passieren. Die wachsen doch nach ...” Und sie antwortet: ”Ja am Anfang. Aber, als wir das fünfte Mal tauchen gingen, waren es ganz gewöhnliche Verletzungen, die nicht wieder verheilten.” - Das fünfte Mal?! Ich reiße das Butzenscheibenfenster auf. Sabine schnorchelt mitten im See. Ich schreie wie noch nie in meinem Leben: ”Sabine!” und brülle wieder quer über den See ”Sabine!!” Sie hört mich, schaut herüber und winkt.