20 Jahre Torfkurier, der Film






Der Echsensee

Wohin einen die Nacht führt.


Von Götz Paschen

Was der Kerl mit dem Balken und dem grauen Burgtor will? Wir verrammeln es von innen. Warmes Licht im Innenhof. Grau getünchtes Holz, rissig. Rückwärtig noch ein Tor. Ich öffne es und falle dahinter beinahe in einen See. Direkt unter mir - ein bis zwei Meter tiefer - klares Wasser. Schwebende Pflanzen mit großen dunkelgrünen Blättern unter der Wasseroberfläche. Im Schatten der Pflanzen schieben sich echsenartige Tiere über den Grund. Locker so groß wie Hunde. Die Wasserfläche zirka ein bis zwei Fußballplätze groß. Dahinter Felder mit wogendem Korn. Solche Tiere gibt es doch hier nicht. Wir sind in der Nähe vom Bodensee. Und bei deutschen Amphibien und Reptilien habe ich einen akzeptablen Überblick. Die haben keine Schulterhöhe von bis zu 60 Zentimetern. Fasziniert starre ich ins Wasser.

Die Burg
Über uns erhebt sich ein Turm wie der einer Burg. Fachwerk. Spitzes Dach. Darüber eine strahlende Sonne und prächtig blauer Himmel. Wir gehen weiter. Kühler Gang, grobe Steinquader an den Seiten. Über einen Außengang gelangen wir zu einem Zimmer. Rundum verglast mit Ausblick auf den See. Plötzlich sind meine Kinder bei mir. Wir klettern durch ein offenes Fenster mit Butzenscheiben in das Zimmer. Ein Bett, ein Holztisch mit einer rustikalen Eichenplatte, Bänke mit Planken, alles grob gezimmert. Wie auf einer Ritterburg. Der Bewohner und sein Sohn packen. “18.000 Euro soll die Burg samt See und Gelände kosten. Kann ich mir nicht leisten”, erklärt uns der Gastgeber. Kein Preis, denke ich, für so ein Gelände. Schon in diesem hellen Ritterzimmer mit Blick auf den See im Sommer den Urlaub zu verbringen wäre eine Wucht. Liegt zwar direkt an einer Landstraße, aber was soll’s.

Der Unterschenkel
Er muss abreisen, hat fertig gepackt. Wir verlassen diese kühlen Mauern. Ein weiteres rückwärtiges Holztor. Direkt unter uns erneut der See. Ich komme gar nicht auf die Idee, nach einem anderen Ausgang zu fragen. Unter mir klarstes Wasser, vielleicht einen halben Meter tief. Hinabklettern und durchwaten ist meine erste Idee, bis ich im Schatten der Wasserpflanzen wieder eine dieser Unterwasserechsen sehe. Schuppige Haut, Rückenkamm, kleine Augen, träge Bewegungen. Vielleicht ganz freundlich? Sie bewegt sich auch fast gar nicht. Im Zweifelsfall aber dann ganz schnell. Die nächsten 50 Jahre nur mit einem Unterschenkel ist mir diese ungeklärte Frage auch nicht wert. Wo sind die Kinder? An einer Kette klettere ich außen an der Mauer entlang. Zwei Meter tiefer der See. Die Echse und ihre Kollegen spare ich mir für später auf. Während ich mich so rund um den Turm hangele, denke ich darüber nach, was mein Banker dazu sagen wird. 18.000 Euro ist nicht zuviel für diese Fläche und das Gemäuer. Aber was will ich hier?

Die Badeanstalt
Vorne an der Landstraße lege ich das gelbe Handtuch meiner Mutter ab, um mir alles näher anzusehen. Hinter dem Feld schließt sich ein Hochstaudenflur an. Danach krabbele ich durch einen Zaun und lande in einer Badeanstalt direkt am Bodensee. Das wäre was für die Kinder. Oder romantische Abende bei Kerzenschimmer und Sonnenuntergänge über dem Echsensee durch die offenen Butzenglasfenster. Ich diskutiere schon mit allen Familienmitgliedern im Geiste die Vorteile der Burg. Aber jetzt immer hier Urlaub machen? Keine Nordsee? Kein Sandstrand? Ich wirke in meinen durchgeschwitzten Kleidern und voll angezogen offensichtlich etwas befremdlich auf die Umstehenden. Einmal eintauchen in den Bodensee. Aber wo ist das gelbe Handtuch? Ich kehre um.

Der Zauberstab
In dem Echsensee baden gehen. Oder schnorcheln. Sich den Wasserechsen mutig nähern. Weiter in den See hinein, unten in das Dickicht, in dem noch größere Tiere dieser Spezies leben. Dort, wo unter die großen Blätter der Seepflanzen noch letzte Sonnenstrahlen hindringen. Über dir geometrische Formen von hellem und dunklem Grün, je nachdem, ob sich Blätter überlappen, in schwebender Bewegung. Vor dir Angesicht zu Angesicht ein schuppiges Gesicht. Augen, die dir nicht sagen, ob sie gleich angreift oder dich ziehen lässt. Vielleicht ist in der Schublade des Eichentisches auch ein Zauberstab, der einem Macht über die Situation gibt. Den nehme ich dann mit zu meinen täglichen Tauchgängen. Ähnlich wie in der Oberstufe des Autogenen Trainings, beim Gang über den Meeresgrund. In das Unterbewusste abtauchen. ‘Nirgendwo in Deutschland gibt es solche Unterwasserechsen. Das ist hier eine andere Bewusstseinsebene. Endlich einen direkten Zugang zu seinen Urängsten finden. Absteigen in das Unterbewusstsein. Wie eintauchen in den Echsensee. Täglich im Sommerurlaub. Wer hat denn schon diese faszinierende Möglichkeit?’ Ich diskutiere im Geiste mit meinem Banker die Vorteile der Investition. ‘Für 18.000 Euro einen direkten Zugang zum Unterbewussten.’ Ich halte das für einen Sparpreis. Er für eine fixe Idee ... Wieder im Hier und Jetzt gehe ich das gelbe Handtuch suchen. Stehe an der Böschung der Landstraße und spüre wie ein frischer kalter Windzug vom See her zu mir herüberweht.