20 Jahre Torfkurier, der Film






Das geklonte Ich

Gentechnik und ihre Folgen

Von Götz Paschen

Foto: Ester Krey

Fleißige Leute haben keine Zeit für Kinder und Fortpflanzung. Naheliegend ist, sie zu klonen. Die Gentechnik macht es möglich. Ich bin jetzt keine Laborratte, die dabei zugeguckt hat. Aber es wird wohl eine Darmzelle der Kopiervorlage benötigt. In der Darmzelle stecken alle Erbinformationen. Daneben benötigen Sie noch eine vitale Eizelle einer Frau. Kein Sex. Keine Romanze. - Zwei kleine Eingriffe und schon haben wir alles, was wir im Reagenzglas brauchen. Eizellkern raus, Darmzellkern rein und es ist klar, wie das Ergebnis aussieht, wenn es groß ist.

In der Praxis
Das zur Theorie. Dann gilt es noch einige Hindernisse zu überwinden, die juristisch eventuell in der Grauzone liegen: Geburtsurkunde, Elternschaft … Das lässt sich aber alles regeln. Danach kommt die lästige Phase Stillen – bespaßen – großziehen. Ein Langzeitexperiment. Wir wählten aus unserem Unternehmen die Fleißigsten aus. Genlabor, Amme, Krippe, Schmier- und Bestechungsgelder. Nämlich genauso wichtig, wie für die seelische Gesundheit der normale kindliche Rahmen ist, ist es, den Klon nachher wieder verschwinden zu lassen.

Fixieren
Kurz gesagt: Was nutzen Ihnen optimale Mitarbeiter, wenn Sie nach Feierabend Eigenleben entwickeln: Drogen, Sportverletzungen, Liebe, Kündigung, Umzug … Wir haben die Klone von ihren älteren Zwillingen anlernen lassen. Am Stuhl fixiert mit den entsprechenden Zuleitungen über Tropf und rackern lassen. Das Ergebnis war wunderbar. Barackenunterbringung, nahezu Null Lohnkosten im Vergleich zu normalen Mitarbeitern, keine Arbeitnehmervertretung etc. Wenn Sie meinen, das sei kritisch, darf ich anmerken, dass wir unsere Klone relativ human halten. Die deutsche Industrie hat sich im historischen Vorbild schon weitaus unzivilisierter gegenüber verwerteter Arbeitskraft verhalten.

Außendienst
Was ich zu erwähnen vergaß. Das Modell funktioniert nur für Mitarbeiter im Innendienst. Sie dürfen den Kopien die Fuß- und Brustfesseln nicht abnehmen. Sie dürfen Sie nicht außerhalb des begleiteten Klogangs vom Tropf nehmen. Sonst können Sie Ihnen die beruhigenden Neuroleptika nicht mehr zuführen. Wir hatten nach phantastischen Ergebnissen im Innendienst leider den falschen Einfall. Wir klonten auch gute Vertriebler und setzten die Klone im Außendienst ein. Depotspritze, Sender hinterm Ohr diskret ‚montiert‘ – ein Fiasko.

Amnesty international
Meiner Ansicht ist es gar nicht deren Thema. Auf jeden Fall bekamen wir eines Tages Schwierigkeiten, als ein Klon im Außendienst nach dem Mittagessen in einer Fußgängerzone auf einen Stand von amnesty international stieß. Er führte den Sender vor, zeigte Fotos, die er mit seinem Diensthandy ‚drinnen‘ gemacht hatte. Wir bekamen eine sehr schlechte Presse. Das meiste davon konnten wir durch Gespräche und Kompensation mit Anzeigen- und Werbeaufträgen unterdrücken. Aber einzelne kleine Medien und ließen sich nicht kaufen.

Ergebnis
Unsere Klone sind inzwischen auf freiem Fuß. Ich als Leiter ‚Personalentwicklung‘ auch. Nachts habe ich schlechte Träume, tagsüber keine Arbeit. Wenn ich träume, werde ich von 100en von Zwillingsbrüdern verfolgt. Sie schreien mir hinterher und jagen mich. Dann kommen Sie auch von vorne. Ich bin auf einer Brücke. Und kurz bevor sie mich haben, werde ich immer schweißgebadet wach. – Ich war beim Neurologen. Inzwischen geht es mir besser. Auf Station werde ich wegen dieser Traumattacken immer am Bett fixiert. Mein Freund und Kollege Erwin aus der Personalabteilung besucht mich noch regelmäßig, sonst keiner. Nachts wenn ich aus meinen Träumen erwache, ist es immer erst auch so, dass ich Erwin vor mir sehe. ‚Ich bin Ihr Nachtpfleger‘, sagt er dann und gibt mir eine Spritze. Er ist jünger als Erwin und hat eine Narbe hinter dem Ohr. Ich könnte schwören er ist es. Aber es kann nicht sein. So ist das mit den Albträumen.