20 Jahre Torfkurier, der Film






Christiania am Ende?

Wo Sie nicht hin müssen, wenn Sie nach Kopenhagen fahren.


1971 besetzen Hippies ein 34 Hektar großes Gebiet auf einem ehemaligen Militärgelände und gründen den Freistaat ‘Christiania’ mitten in Kopenhagen. 21 Jahre später: 1992, wir sind jung und die Faszination ist groß: Grandiose Experimente mit recyceltem Baumaterial. Ein Mekka der Inspiration für Architekten, denen Ideen fehlen. Autofreie Zone, Lastendreiräder als Transportvehikel. Alles wesentlich ‘langhaariger’. Ein Baustofflager mit alten Fenstern und Steinen. Vergnügtes Flair. Schwummriger Weihnachtsmarkt - mehr ein Basar - mit Räucherstäbchenduft, Fußmassage vor Ort ... Massig entspannte Leute. Kreativität und Erfindergeist sind gefragt: Bierflaschen werden oben abgeschnitten und rund gedreht. Es entsteht das schicke Recycling-Trinkglas in braun oder grün. Leere Eisenfässer quergelegt, vorne offen. Hinten ein Ofenrohr dran. Beine drunter geschweißt. Fertig ist der Ofen. In der Kneipe hängen fette Dunstschwaden von Marihuana und Haschisch. Dazwischen toben die Kinder. Im selben Jahr arbeite ich einige Monate in Dänemark in einer Schmiede. Die Familie ist mit dem Unternehmen von Christiania weggezogen: “Zu viele Drogen.” Ein Mitarbeiter ist ebenfalls weg von dort, will aber zurück und versuchen, die Idee des Freistaates politisch zu retten. Seine Frau ist froh, raus zu sein mit den beiden Kindern. Sie will ihren Mann aus den heftigen Konflikten raus zu haben. Das Sagen hätten inzwischen die Drogenhändler, die auch über ihr Geld Einfluss ausüben. Alle berichten begeistert von den Anfängen dieses inspirierenden Ortes.


Pusherstreet
17 Jahre später: 2009, wieder Christiania. Immer noch fahren vereinzelt Lasträder auf dem Gelände. Der alte Duft von weichen Drogen. Hier wird ‘geraucht’. Fotografierverbot in der Pusherstreet. Die Haschischhändler wollen unerkannt bleiben. Das Flair ist futsch. Junge Männer zwischen 20 und 35 Jahren lungern an den Dealerständen rum. Davon gibt es viele. Wenig Kinder und Frauen. Keine Älteren. Offen wird angeboten, was in Dänemark verboten ist. Faustgroße Haschischklumpen. Laut Polizeimeinung setzen hier einzelne Dealer monatlich Drogen für rund 140.000 Euro um. Ansonsten hält die Polizei sich fern. Unter den geschätzten 900 Christiania-Bewohnern seien ausreichend gewaltbereite, dass ein Polizist behauptet, unter 50 Beamten müsse man Christiania nicht betreten. Unter offenem Himmel einige Bänke und Tische. Hier wird gekifft. Wer es braucht ... Wenn ich dann allerdings drei Minderjährige, maximal 14 Jahre, dazwischen sehe, denke ich doch, ob ein Polizeieinsatz nicht eine gute Idee wäre. Das beherrschende Bild wirkt grau und ungemütlich. Man fühlt sich als Besucher nicht wirklich gefährdet, aber auch nicht wohl.


Tibet
Direkt seitlich neben der Pusherstreet, eine Halle, die für ein freies Tibet votiert. Gebetsfahnen an den Wänden. Infotafeln. Aus einem Lautsprecher erklingen Mönchsgesänge. Der Dalai Lama lächelt großzügig auf uns herab. Wir gehen zum Kanal. Immer wieder Häuser mit Fensterkonstruktionen und Dachideen, die einen staunen lassen. Ein Pärchen kümmert sich um die Grünanlage. Dass man denkt, hier ist noch der alte Geist. Hier wird gestaltet. Das überspannte Lachen der Frau aber wirkt kaputt. Klingt nicht gut. Nicht wie von jemand, der gut drauf ist. Eher jemand, der ‘drauf’ ist. Ich werde auch den Eindruck nicht los, dass hier nicht nur ‘weiche’ Drogen gedealt und konsumiert werden. Aber die Christanitter, wie sie auch heißen, sind nicht für die Verwirklichung meiner alten utopischen Ideale zuständig. Das Experiment hat Gehalt. Es hat den Zenit seiner alternativen Blüte sicherlich schon überschritten. Kiffen ist angeblich nicht schädlicher als saufen. Ich habe schon halbwegs verblödete Kiffer erlebt, finde saufen allerdings auch nicht intelligenter. Ich habe den Eindruck, dass extreme Toleranz sich selbst zerstört. Weil Sie oft Menschen erfolgreich Raum bietet, die in Regeln keinen Wert sehen.