20 Jahre Torfkurier, der Film






Bildung und Wohlstand

Was uns trägt. Was uns weiterbringt.

Von Götz Paschen

Foto: Friedhelm Ohlemutz/ pixelio.de

"Bildung und Wohlstand", das hätte der Wahlspruch der langweiligsten Partei im Wahlkampf sein können. Aber vielleicht ist es auch eine Frage des Alters, welche Parolen gut ankommen. "Macht kaputt was euch kaputt macht" klingt für mich nach Scheiß-Kindheit. "Gegen Nato, Staat und Kapital" war mir schon vor 25 Jahren ein bisschen viel 'Nein Danke'. Und für "Hoch die internationale Solidarität" habe ich zu wenig Kumpels, die in Afrika Baumwolle pflücken.

Trotzdem Gier
Ich stelle fest, dass Bildung und Wohlstand zwei der Hauptsäulen für Frieden und humanistische Kultur sind. Das wünsche ich jedem Menschen auf dieser Welt. Mich freut, dass bei uns alle satt werden können. Und die meisten es auch warm und trocken haben. Mich widert es an, wenn sich bei diesen Satten in Ausnahmesituationen die Gier der Zu-kurz-Gekommenen zeigt. Selten können Sie einem Menschen so tief in die Seele blicken, wie wenn er in Sonderangebotssituationen unbeherrscht zulangen kann. Meine Meinung ist, dass da jemand in seiner frühen Kindheit zu kurz gestillt und zu wenig gekrault worden ist. Seelischen Mangel materiell aufzufüllen, ist ein müßiges Unterfangen. Die Befriedigung tritt nicht ein, weil sie aus der falschen Ecke kommt. Auch wenn die meisten Bedürfnisse, die sich durch Konsumwerbung wecken lassen, aus dieser Richtung stammen.

Dramen erben
Jetzt könnte man auf die Idee kommen, dass wir zwar materiell besser versorgt sind, aber seelisch genauso leiden, wie die Elenden auf der Südhalbkugel. Das mag bei dem einen oder anderen sicherlich auch stimmen. Aber die Traumata, die strukturell durch Mangel entstehen, fehlen den meisten Deutschen zum Glück. Es gibt aktuell keine Flüchtlingslager auf deutschem Boden, in denen gehungert wird und Gewalt und sexuelle Übergriffe zur Tagesordnung gehören. Dass hinter den saubersten Gardinen in Privathaushalten oft genug die Hölle los ist, will ich nicht bestreiten. Aber aus anderen Gründen. Dramen werden ja auch im Rahmen der Sozialisation vererbt. Und keine Generation kriegt dieses Erbe in einem Leben vollständig abgeworfen. An den Folgen des zweiten Weltkriegs werden vermutlich noch unsere Enkel seelisch auf die eine oder andere Art zu knabbern haben. Wir können froh sein, wenn wir an unsere Kinder einzelne Erfolge weitergeben. Oder wenn wir die eine oder andere unglückliche Linie durchbrechen.

Mehr als Information
Ursache für entsprechende Erfolge ist Bildung. Bildung ist für mich nicht allein Information. Also grobe 5 % Wikipedia im Speicher und gut. Das reicht nicht. Bildung ist für mich das Wissen um Alternativen. Sie erfordert grundsätzlich Toleranz. Dass Pop gut ist, Jazz und Klassik aber auch, das ist Bildung. Dass mir die Musikrichtungen unterschiedlich gefallen, ist eine völlig private Geschmacksfrage. Wer Alternativen hat, kann ausweichen, wenn es eng wird. Dass ich eine Aggression anders parieren kann, als mit Gegenaggression, dafür braucht es Bildung. Je bedrohlicher die Alternativen für mein Weltbild werden, umso größer ist die Intoleranz und Abwehr. Flexibel die eigene Welt neu zu gestalten, dafür brauche ich Bildung. Gerade auch in abstrakter Bildung liegen bei entsprechendem Transfer endlos Chancen: Die Vorteile paradoxen Agierens. Das Glück eines Umwegs. Der Nutzen von Brüchen im eigenen Leben. Die Gnade, wenn der Lebensplan nicht aufgeht. Wer eng denkt und lebt, steht schnell genug mit dem Rücken an der Wand. Den Rahmen verlassen, neues ausprobieren, zwecklos Zeit verbringen. Das ernährt die Seele. Je enger ich bin, umso enger muss meine Welt sein, sonst wackelt mein Plan. Ich kann nur jedem wünschen, dass er durch Bildung, Kunst und Kultur umfangreich erschüttert wird. Das führt zu Toleranz und der Wahrnehmung von Alternativen, wo sonst keine wären. Begrüßen wir jeden Moment, in dem ein Plan misslingt. Begrüßen wir jede Krise, in der uns unser Lebenskonzept um die Ohren fliegt. Begrüßen wir die Notwendigkeit des Wandels und das Wissen um Alternativen.