20 Jahre Torfkurier, der Film






Authentisch

Ein echtes Scheißwort.


Von Götz Paschen

Foto: Kristin Albrecht

Mal ehrlich, wer wäre nicht gerne echt? Alle. Und nochmal ehrlich: Wie dämlich ist denn diese Kategorie? Gibt es echt, unecht oder halb echt? Wenn ein Mensch sich nicht verhält, wie sein Innerstes es ihm bei freier Entfaltung empfiehlt - ist der dann unecht? Oder ist der schlicht gehemmt. Dass sich Hemmungen nicht so gut anfühlen wie freies Vergnügen, ist das neu? Was ist denn jetzt mit Menschen, die verklemmt sind? Sind die unecht? Und nur der tapfer Fröhliche ist echt? Oder lebt der auch dauertapfer an seiner oft vielleicht gesunden Hemmung vorbei? Wer authentisch sein will, muss sein Gesamtbild sauber halten von fragwürdigen Dissonanzen. Darf ein Kirchenoberhaupt angetrunken Auto fahren? Oder ist das nicht authentisch? Darf ein Fußballprofi die ‚Zeit‘ lesen? Darf Obama Kriege führen? Dürfen Torfkurier-Leser bei Mc Donald's essen? Welchen Imageschaden erleiden Sie, wenn Sie mal nicht authentisch sind? Wen stört es, wenn Ihre Umwelt ein Problem mit der Einordnung Ihres Verhaltens hat? Wie authentisch ist es, sich nicht ausprobieren zu dürfen? Ausprobieren in neuen Feldern, die Sie bisher nicht erprobt haben. Sind weinende Männer authentisch? Sind gehorsame Kinder authentisch? Sind offen aggressive Frauen authentisch?

Realitätsfragmente
Interessanter ist vielleicht die Frage: Wer will das wissen? Ja bitteschön, wen interessiert, ob ich oder Sie uns authentisch verhalten? Interessiert Sie das selbst? Wer guckt sich denn so beim Leben zu, dass er sagen kann, er lebe authentisch? Ist das nicht völlig gespalten? Wer seinem Leben zuguckt wie einem Film, der spielt nicht dabei mit. Wer will denn wissen, ob ich in meinem Leben das mache, was mich ausmacht? Meistens scheitert es doch daran, dass Ihr Gegenüber nicht den leisesten Hauch einer Ahnung hat, wer Sie sind. Sie sind ja schon gut dran, wenn Sie es selber halbwegs wissen. Das ist auch noch eher die Ausnahme. Und dann kommt da jemand daher, nimmt sein Bild von Ihnen. Und gleicht dieses fragwürdige Bild mit dem schmalen Ausschnitt der Realität ab, den er von Ihnen wahrnimmt. Das wird gelingen. Das ist sinnvoll. Wem steht es überhaupt zu, das zu bewerten, was einer vom anderen sieht? Eine meiner zarten Ahnungen sagt mir, dass Bewertungen außerhalb klar definierter Rahmen völlig überflüssig sind.

Authentizität
Und wie unsinnig klingt erst das entsprechende Substantiv: Authentizität. Das bricht Ihnen nicht nur die Zunge. Das ist auch inhaltlich großer Humbug. Wer von Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit sprechen will, soll das tun. Und Echtheit interessiert doch nur bei einem Brillanten. Was ist denn jetzt mit einem Menschen, der nicht authentisch lebt? Wird der aus der Gruppe der echten Menschen ausgeschlossen? Da möchte man sich doch sofort zu den Unechten gesellen. Das klingt viel weniger anstrengend und menschlicher. Wer Vollzeit authentisch lebt, muss sich ja die ganze Zeit beim Leben zugucken, um keine Fehler zu machen. Oder kriegt ein authentisch lebender Mensch das gar nicht mit, dass es so ist? Was ist denn mit einem Säugling? Das ist doch mal ein echter Mensch. Und den interessiert seine Authentizität einen völligen Dreck. Durst = Schreien. Fertig. Mehr gibt's da nicht zu sagen. Ist doch schlicht - oder?

Distanz
Nichts gegen eine gesunde Distanz zum eigenen Tun. Hin und wieder auch ein bewusster Abstand zur Überprüfung. Aber doch bitte nicht zur Überprüfung der Echtheit eigenen Handelns. Nachher ist so ein Mensch noch wandelbar … Wo soll das denn hinführen? Wie anstrengend, dauernd die Kategorien neu einzunorden. Die Arbeit können Sie sich sparen. Oder Sie lieben Tratsch. Wer über andere redet und sich den Anschein von Niveau geben will, ist mit unserer Vokabel gut bedient. Authentizität als Ausgangspunkt dafür, darüber zu urteilen, ob jetzt dieser oder jener so völlig an seinem Bild vorbeilebt, das wir von ihm haben.

Charakterstärke
Unabhängig davon, wie populär Charakterstärke ist - wer den Mut hat, ignoriert mindestens gelegentlich den Rahmen, den andere ihm setzen. Und wer richtig gut dabei ist, der ignoriert sogar den eigene Rahmen, den er sich setzt. Wen stört das, wie Sie wirken? Sie wollen mir doch nicht erzählen, eines Ihrer zentralen Themen wäre, Ihre Authentizität zu überprüfen. Da gibt es zentralere Sorgen. Wenn andere nichts Besseres zu tun haben, überlassen Sie es denen. Wer gern mit Flachkopfvokabeln um sich haut, den können Sie sich getrost sparen. Sonst kriegen Sie im Zweifelsfall noch eine davon ab.