20 Jahre Torfkurier, der Film






Arbeitsgeschichten

Nichts zu tun ist oft besser.


Von Götz Paschen
Foto: Dietmar Meinert/pixelio.de

Die Geschichte von dem Mann, der sein halbes Arbeitsleben als Planer Moore trockenlegte. Und der die zweite Hälfte seines Arbeitslebens Moore wieder vernässte. Nachdem eine politische Wende eingetreten war und Moore als schützenswerte Lebensräume eingestuft wurden. Diese Geschichte ist die Geschichte eines Menschen, der sein Leben lang besser gar nicht gearbeitet hätte. Und die Ziele seiner Arbeit wären weitaus fruchtbarer gediehen, nämlich intakte Moorlandschaften.
Die Geschichte des Landmaschinenschlossers, der einen Versicherungsschaden reparieren sollte. Und der vor der Reparatur von seinem Werkstattleiter aufgetragen bekam, mit dem Vorschlaghammer den Schaden so auszuweiten, dass es ein guter Auftrag würde. Denn Versicherungen zahlen Schäden meist, ohne zu murren. Aber auf dem Foto muss der Schaden dann auch entsprechend groß aussehen. Nachher wird er nicht nur das reparieren, was kaputt war, sondern auch das, was er zusätzlich selbst zerstört hat. Das ist Bruttosozialprodukt.
Die Geschichte der Mutter, die ihr Kind schon im Kindergarten mit Förderheften und Lerneinheiten auf die Schule vorbereitete. Anstatt dass sie es im Matsch spielen lässt und sich daneben auf eine Decke in die Wiese legt und in den Himmel schaut. Und die Geschichte der Mutter, die fünf Jahre später mit einem völlig überforderten Grundschüler wöchentlich zum Kinderpsychologen fährt.

Geschichten in zwei Personen
Neben diesen Geschichten in einer Person, gibt es auch Geschichten in zwei Personen. Da ist die Geschichte des tapferen Soldaten, der in Afghanistan seinen Mann steht. Und dieser Soldat muss hin und wieder auch auf andere Männer schießen. Die werden dann in Lazaretten von Ärzten versorgt. Und wenn sie vollständig genesen sind, gehen sie wieder an die Front und sorgen für weitere Verletzte. Wobei der Arzt und der Soldat nur zu tun haben, wenn es genug gesunde und angeschossene Soldaten gibt. Das ist Rüstungsetat.
Der Spieleentwickler, der bis tief in die Nacht hinein da sitzt und Spiele programmiert. Spiele, die so geil animiert sind, dass da viele Jungs drauf abfahren. Diese Geschichte hängt eng zusammen mit der Geschichte der Nachhilfelehrerin, die die Kinder für die Schule fit machen muss. Wofür es natürlich viele Gründe gibt. Aber einer ist sicherlich, dass nachmittags der Reiz, schwerbewaffnete Aliens zu töten, größer ist, als französische Grammatik zu lernen.
Der Hersteller von Brötchentüten, der seine 18 verschiedenen Tütenformate feilbietet. Mit individualisiertem Aufdruck der Bäckerei, oder mit Weltmeisterschaftsaufdruck, oder mit Sichtstreifen, dass die Brötchen lecker zu sehen sind in einem Plastikstreifenfenster der Tüte. Der natürlich auch einen Außendienst hat, der alle Bäcker abklappert und die Aufträge mitbringt.
Und der Mann in der Müllverbrennungsanlage, der dafür zuständig ist, dass die Müllberge auch sauber verbrennen. Eine hochtechnische Anlage, auch wenn bis heute beim Müll wenig Alternativen existieren zu historisch gewachsenen Konzepten: Verbrennen, vergraben und in-die-Gegend-werfen. Heute heißt das Waste-Management. Die Alternative ist ein schlichter Stoffbeutel für die Brötchen. Der hält Jahre.

Zum Beispiel 'Blau machen'
Geben wir allen mit sinnlosen Berufen frei. Schaffen wir beispielsweise die Zigarettenindustrie ab. Die Zahlungen werden aber an alle Mitarbeiter aller Produktionsstufen weitergezahlt. Die Tabakpflücker kriegen weiter ihr Geld, haben aber frei. Die Fließbandarbeiter erhalten ihre monatliche Überweisung, bleiben aber daheim. Die Lungenfachklinik wird weiter betrieben, ist aber leer. Alle kriegen ihre Moneten, aber keiner seine Zigaretten. Die werden abgeschafft. Nach einem willkürlichen Verfahren wird jedem dritten oder vierten Steuerzahler (je nach Raucherdichte der Gesamtbevölkerung) jährlich eine Sondersteuer von pauschal 2.500 Euro (zirka 1 1/2 Schachteln am Tag) pro Jahr auferlegt oder der entsprechende Betrag vom Hartz IV-Geld abgezogen. Das Geld ist da und kann an alle Produktionsbeteiligten ausgezahlt werden. Wer das ungerecht findet, richtet sicherlich mit einer anderen persönlichen Marotte auch hohe gesellschaftliche Folgekosten an und soll mal schön die Klappe halten. Als da wären Alkohol, unverantwortlich schnelles Auto fahren, Kinder schlagen, Börsenspekulationen, Flugreisen, Hochleistungssport, Humorlosigkeit und Streitsucht …