20 Jahre Torfkurier, der Film






Ankommen

Fluchtwege versperren. Am Ziel ausharren.


Von Götz Paschen

Du suchst neue Herausforderungen? Verstehe ich. Mach ich auch immer, wenn ich vor mir selbst weglaufe. Du richtest dir dein Leben so ein, dass es zu dir passt. Dann guckst du dir das Ergebnis an. Das hast du also erreicht. Es gefällt dir nicht. Anstatt dich zu fragen, was das denn jetzt mit dir zu tun hat, suchst du neue Herausforderungen.

Selbstgemacht
Du hast gerade alles fertig eingerichtet und ziehst schon wieder um. Jährlich. Du hast endlich den Stall voll Kinder. Und machst so lange an ihnen rum, bis du mit ihnen Probleme hast. Du hast endlich einen Partner in der Hütte. Dann fangt ihr Knatsch an, bis ihr beide von einander die Fresse voll habt und auseinander geht. Oder ihr zieht durch: Hochzeit, Bausparvertrag … und um am Ende den Erfolg auszuhalten, benutzt ihr Rhythmus und Routine als eine der infamsten Formen der Wirklichkeitsflucht. Oder es ist alles rund, und du baust dauernd irgendwelche dämlichen Störungen ein.

Am Ziel
Guck dir dein Leben doch an. Genau so hast du es gewollt. Sonst hättest du es dir anders eingerichtet. Genau so viel Distanz zu deinem Partner. Genau soviel Sex, Zärtlichkeit, Leidenschaft. Genau soviel Geld oder Miese auf dem Konto. Genau das Nettoeinkommen. Genau den Drogenmix: Alkohol, Nikotin, Fernsehen, Alltagsroutine … Ziel erreicht, Alte/r! Genieß das jetzt. Ohne zu jammern. Dann kommt die härteste Übung. Die Sofaübung. Wach da sitzen. Keiner da. Fernseher aus. Nichts in den Mund stecken. Wach sitzen und nichts tun. Das ist jetzt dein Leben. Das hast du geschafft. Vielleicht fehlt dir nur der Mut, wahrzunehmen, dass du am Ziel bist.

Wunschvorstellung
Alle Störungen, Hemmnisse oder Desaster gehören dazu zu deinem Ziel. Weil nur wenige Erfolg wirklich aushalten. Hütte steht, Kinder laufen, Beruf in Ordnung, Beziehung stabil. Wer erträgt denn so was? Mit genau der Scheißtapete im Flur. Mit genau der Arbeit mit einer Stunde Hin- und Rückfahrt. Mit genau den Mitarbeitern in der Abteilung. Mit genau dem stinkenden Hund. Oder dem Stall voll scheißender Meerschweinchen. Genau die körperliche Konstitution, schlaff oder straff. Das ist alles wählbar. Du meinst, du hättest keine andere Chance gehabt. Stimmt. Alles fremdbestimmt. Vor allem, wenn du die Turnschuhe nicht dreimal die Woche für eine Stunde anziehst und laufen gehst. Dann ist da eben der Bauch. Und dann gehört der da auch hin. Und wenn auf dem Konto kein Geld ist, weil du bei der Arbeit gerne in den entscheidenden Augenblicken träumst. Dann stehst du eben auf genau deiner Etage. Und auf der wird nur genau das Geld verdient, das du dir wert bist.

Wandel
Da gibt es einige Momente, in denen ist Aufmerksamkeit wichtig. In denen dich normalerweise Verhalten und nicht bewusstes Handeln in der alten Position hält. Momente, in denen du selbst es nicht aushältst, innezuhalten und zu überlegen, wie es weiterginge, wenn es anders laufen sollte. Und in denen du es deinem Gegenüber nicht zumuten willst, durch deinen Entscheidungsprozess sich auch aus seinem Muster lösen zu müssen.

Das war’s schon?
Ja. Das hattest du dir jetzt spektakulärer vorgestellt. Schuld waren doch immer die anderen. Die Verantwortung lag nie bei dir selbst. Sowieso die Scheißkindheit. Oder Ausflüchte wie saufen, schlagen, weglaufen, schreien, schweigen … tun sie doch alle. Und da muss erst die ganze Welt mit sich ins Reine kommen, dass du dich dann da drin wohl fühlen kannst. Aber das, was du jetzt hast, als das erreichte Ziel des Menschen anzusehen, der du glaubst zu sein. Das ist unerhört. Du bist doch nicht so eine arme Wurst, die sich mit so einem fragwürdigen Ergebnis zufrieden geben würde! Offensichtlich doch. Also find es gut, du Jammerlappen. Oder hilf der armen Wurst in dir aus der engen Pelle. Und das ist eine Aufgabe, die in stiller Wahrnehmung stattfindet. Geduldig. Mit machen hat das nichts zu tun.