20 Jahre Torfkurier, der Film






Als Opa den Osterhasen erschoss

Und was das für Folgen hatte.


Von Götz Paschen

Mein Opa ist Jäger. Er hat bei seiner letzten Jagd den Osterhasen erschossen. Als sein Hund ihn apportierte und meinem Opa vor die Füße legte, sprach er zu ihm diese letzten Worte: ”So, Alter. Jetzt musst du die Eier verstecken. Hier ist mein Handy. Alle gespeicherten Adressen müssen Ostern beliefert werden. Sieh zu, wie du das hinkriegst.” Dann verdrehte er die Augen und verschied.

Die Produktion
Scheiß-Spiel, dachte mein Opa, hängte seine Flinte an einen Ast, setzte sich auf einen Baumstumpf und brütete. Dann griff er sich das verdreckte Handy und guckte die Adressen durch. Als die Sonne unterging, hatte er sich einen groben Überblick verschafft. Sein Hund war inzwischen eingeschlafen. Der Osterhase steif. Opa stöhnte. Dann hat er das Haus leergeräumt. Schulklassen und Kindergruppen saßen täglich an Biertischgarnituren in Opas Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer und Garage, sauten die Bude zu und malten. Oma kochte die Eier hart. Opa fuhr mit seinem Passat Eier und Farbe kaufen und bunte Eier in sein Scheunenlager bringen. Mit dem Mietbus holte und brachte er die Kinder hin und her. Er verfluchte alle Jäger, sägte seine Flinte in kleine Stücke und trat dem Tierschutzverein bei. Das Haus stank nach Malfarbe. Und Oma meckerte den ganzen Tag über die viele Arbeit.

Der Geist
Dann brannte Opas Eierscheune ab. Opa kam in die Zeitung. Teufel noch eins, was für ein Riesentheater. Tags drauf machten wir frei. Die Kinder durften nicht zu uns kommen. Wir spazierten durch die verkohlten Reste der Eierscheune und schoben Frust. Opas Hund schnüffelte an schmorenden Eierhaufen. Er hob lässig das Bein und pisste auf die stinkende Masse. Es zischte, und ein Rauchwölkchen stieg auf. In diesem Wölkchen erschien uns ein Geist: ”Beim heutigen Vollmond sollt ihr auf dem Grab des Osterhasen drei Kerzen anzünden und Kindergedichte aufsagen. Bis zum Morgengrauen. Dann wird euch geholfen.” Nicht schlecht, dachte ich. ”Und die Bedingungen?”, fragte Opa. Aber da war der Geist schon wieder verschwunden. Opa wollte den Jagdhund zwingen, noch einmal in die Glut zu pinkeln. Nichts zu machen. Der wollte oder konnte nicht.

Die Nacht
Wir haben also auf dem Grab drei Kerzen angezündet und bis zum Morgengrauen Kindergedichte aufgesagt. Als die Sonne sich feuerrot über dem Horizont erhob und ihr erster Strahl auf das Osterhasengrabkreuz fiel, geschah etwas Sonderbares. Unterhalb des Kreuzes tat sich ein Spalt auf, aus dem ein Osterhase nach dem anderen heraussprang. Nach einer halben Stunde wimmelte es in unserem Garten von Osterhasen. Sie sprachen alle Italienisch. Wir verstanden nichts. Einer griff Opa in die Hosentasche, schnappte sich den Zündschlüssel und fuhr mit unserem Mietbus los. Eine Stunde später kam er mit dem Bus voller Eier wieder. Aus der Grabspalte hüpften immer noch im Sekundenrhythmus frische Hasen und hockten sich auf die Bänke. Kunstvoll bemalten sie die Eier in einem Affenzahn, dass wir staunten. Andere flochten kleine Weidenkörbchen. Wieder andere schnallten sich die Körbchen auf den Rücken, luden sie voll frisch bemalter Ostereier und zogen los. Einer teilte ihnen an unserer Gartenpforte die jeweiligen Adressen aus dem Handy mit. Es funktionierte alles großartig. Bis Opas Kumpels mit den Geländewagen kamen und Opa zur Jagd abholen wollten. Als die das Hasengewimmel in unserem Garten sahen, fielen ihnen beinahe die Augen aus dem Kopf.

Die Jäger
Einer rannte zu seinem Auto, holte das Gewehr und legte auf den ersten Hasen an. Wäre Oma nicht vom Einkaufen gekommen und hätte ihn mit der Einkaufstasche umgehauen ... Der hätte ein Blutbad angerichtet. In Nullkommanix schlug Oma alle Jäger nieder. Wir fesselten und knebelten sie und trugen sie in den Schuppen. Die Osterhasen produzierten unbeirrt weiter. Einer rannte in den Schuppen und schlug den gefesselten Jägern blaue Augen. Daraufhin schlossen wir den Schuppen ab. Ein Zweiter steckte den Schuppen in Brand, was wir rechtzeitig löschen konnten. Dann musste ich abwechselnd mit Opa rund um die Uhr den Schuppen bewachen. Ostersamstag rannten die letzten Hasen schwerbeladen bei uns vom Hof. Dann ließen wir die Jäger wieder laufen. Hundemüde, kaputt und fertig kippten Oma, Opa und ich auf der Stelle um und schliefen bis zum Morgengrauen. Morgens lief ich fix in den Garten, Ostereier suchen. Ich fand keine. Unter einem Busch lag ein Laptop. Das hatte ich mir zu Ostern gewünscht. Jetzt sitze ich hier mit meinem Laptop und schreibe auf, was wir erlebt haben. Aber ein Osternest mit Eiern hätte ich besser gefunden.