20 Jahre Torfkurier, der Film






Absage an die Hochkultur

Das eiserne Regiment des Stammhirns.

Von Götz Paschen

Foto: www.hamburg-fotos-bilder.de_pixelio.de

Wenn moderne Staaten mit Waffen(lieferungen) Konflikte lösen, ist das Prinzip weiterhin Neandertaler mit Keule. Die Hoffnung bleibt, dass Individuen niveauvoller gestrickt sind. Recherchieren wir in der Zone deutschen Freizeitverhaltens. Zum Beispiel bei einem Volkslauf oder Marathon: Die Jungs jeglichen Alters rennen sich die Seele aus dem Leib. Sie geben alles und man fragt sich wofür. Die Medaille am schlabberigen Bändchen allein rechtfertigt den Trainingsaufwand nicht. Sie rennen hintereinander her, überholen, kämpfen und mixen dadurch einen fulminanten Hormoncocktail. Noch wirkt es unsinnig. Aber am Rand stehen die Weibchen, klatschen und jubeln. Im Zieleinlauf müssten sie eigentlich kreischen und BHs werfen. Das passiert aus unerfindlichen Gründen leider nicht. Wenn der Vererber mit Bestzeit, Zielrang und –zeit bewiesen hat, was er draufhat, ist das Weibchen in der genetischen Auswahl bestätigt. Kinder auf dem Arm und schwangere Bäuche zeigen neben der Laufleistung, was für ein reproduktives Ass er ist.

Midlifecrisis
Besonders groß ist aber die Gruppe der Männer ab 40. Was haben die hier zu suchen? Biologisch gesehen sind die wirtschaftlich Erfolgreichen jetzt eigentlich reif für die zweite Brut mit einer jüngeren Frau. Aus strategischen Erwägungen haben sie sich gegen dieses kostspielige Desaster entschieden. Als Dank dafür steht die Frau weiterhin am Rand, jubelt und winkt. Der Anlauf in die zweite Brut kostet grenzenlos Energie und zerstört oft die solide Erfolgsbasis für den gesamten Nachwuchs. Ist also genetisch nicht zwingend von Vorteil. Und warum laufen Frauen? Wenn die Männer es nicht drauf haben, übernehmen die Frauen den Siegerpart. Guck mal, ich bin flott: 1) Genetisch absolut die richtige Wahl. 2) Wenn du rumzickst, mache ich dir mit ebendieser Energie das Leben zur Hölle. Oder netter formuliert: Wir sind auf Augenhöhe. Bleib artig. – Wenn Sie meinen, das wäre doch nur Sport, gucken Sie sich den Wasserstart im Hauptfeld eines Triathlon-Wettkampfes an: Ein Hauen und Treten um die Spitzenpositionen, dass es einen wundert.

Hochkultur
Na, werden Sie sagen: Das sind halt die irren Sportler. Zum Glück gibt es ja auch noch klassische Musik, Jazz, Literatur … Pustekuchen, antworte ich. Wenn ich zwei krumme Beine habe, wenig Lauftalent, Übergewicht oder mangelnde sportliche Sozialisation, mache ich eben Kultur. Aber auch hier ist die Frage, wer spielt die erste Geige? Wer fegt das fetteste Solo hin, ohne sich in der Tonart zu vergreifen? Liefert die coolste Geste und macht das dickste Häufchen auf die Bühne oder im Kammermusikorchester? Wer singt im Chor die Soli? Hier zählen nicht Schweiß und Zieleinlauf. Hier geht es um Raffinesse, Klarheit und Ausdruck. Auch hier stehen die Mädels am Rand und beklatschen ihre Helden und umgekehrt. Ein anderes Terrain, das gleiche Spiel. Oder im Naturschutzverein, Kirchenvorstand …: Wer macht die engagiertesten Projekte? Jeder erntet seine Lorbeeren in seiner Kompetenzzone, ob als Urlaubsreisenprahlende oder als Elternratsvorsitzende. Die Regeln sind verschiedenen, ebenso der äußere Ausdruck. Das Grundmuster ist identisch. Sparen wir uns die Felder Beruf, Haus, Auto, Wettsaufen, Ballerspiellevel …

Die Kinder
Und den Kindern werden die Zähne mit hohem Aufwand geradegezogen, dass sie im Wettbewerb um die besten Vererbungspartner punkten können. Jeder untalentierte Junghirsch galoppiert hinter einem für ihn eventuell fragwürdigen Abitur her. Musische Förderung, Sportvereine, soziales Engagement. Mit Leidenschaft bringen Muttis und Papis ihre Zöglinge in gute Startpositionen für genetisch erfolgversprechende Vereinigungen. Einwand: Und die echten Gemeinschaften? Dienen laut Humanbiologie nur dem Zweck, dass man als Gruppe erfolgreicher konkurrieren kann.

Torftipp: Elegant mitmachen – oder beweisen Sie mir das Gegenteil. Ich wäre Ihnen dankbar.