20 Jahre Torfkurier, der Film






20 Jahre Torfkurier

Dazu gelernt und der Idee treu geblieben.

Von Götz Paschen

Die Volontärin meint, ich sollte etwas zum Jubiläum schreiben: Wie ein wildgewordener Westfale in die Wümmeregion kommt und entweder einen Fahrradladen aufmachen, oder eine Zeitung gründen will. Wie es dann nach drei Monaten Test in der Fahrradschmiede auf Bornholm (DK) doch die Zeitung wird. Und wie blauäugig man sein muss, um sich dem Wahnsinn einer Verlagsgründung lediglich mit Redaktionserfahrung und fast ohne Eigenkapital so frisch in die Arme zu werfen. Wie wir unsere erste Ausgabe auf zwei Glasplatten mit Butterbrotpapier dazwischen gestaltet haben. Millimeterpapier für das Raster drunter und von unten mit einer Nachttischlampe beleuchtet. Klebelayout. Dann folgte eine zersägte Puppenstube mit Alupapier ausgekleidet und Lüftungsschlitzen und oben Milchglas. Tubenweise Fixogum haben wir verklebt. Schreibmaschinenseiten auf dem Kopierer verkleinert. Fotos direkt unter die Reprokamera beim Drucker. Maschinenstürmerzeit. Wie wir fast täglich mit unseren Schwarz-weiß-Filmen nach Bremen gebrackert sind. Fahrrad – Zug – Abgeben und den von gestern mitnehmen und zurück. Täglich locker 50 Kilometer Fahrrad. Fit wie Sau, kein Gramm Speck und Energie ohne Ende. Computer nein danke. Alles per Schreibmaschine und Kopierer. Telefon war tabu. Wir hatten in Fischerhude, Sottrum und Ottersberg unsere „Dorfbriefkästen“ angedübelt und fuhren die fast täglich ab.

Trampen und Radeln
Gedruckt wurde damals noch in einer wilden Hamburger Druckerei in Wandsbek. Die erste Auflage mit Oma-Rollwagen, und zwei Koffern nach Hause bugsiert. Bus, U-Bahn, S-Bahn, Bus, Raststätte Stillhorn, Trampen mit der Auflage zur Raststätte Grundbergsee und dann mit dem Lastrad alles nach Sottrum-Everinghausen ins Verlagsbüro gestrampelt. Wir haben fast nichts ausgelassen. Leute kennengelernt ohne Ende. Gearbeitet bis zum Umfallen. Tage- und Nächtelang. Eine geile Zeit. Ein Redakteur – alle Texte. Eine Layouterin – das gesamte Layout. Teilweise noch handgeschriebene Anzeigen. Computertexte für geklebte Anzeigen schickte mein Bruder auf Zuruf per Brief. Zum Vertrieb reisen die Eltern an und helfen. Abos gibt es nicht. Verkauf über den örtlichen Einzelhandel und jeden Samstag vorm Extra, vor Holste oder auf dem Fischerhuder Wochenmarkt für `ne Mark. Als die Abos dann wesentlich später kommen, kostet das Lokal-Abo18 Mark und das externe 38 Mark im Jahr. Lokal-Abo nannte sich alles, was der Chef nach dem Trampen von Hamburg noch nachts auf der Rundreise an die Abonnenten per Rad ausliefern konnte. Extern war alles, was Porto kostet und aus der Fahrradzone rausfällt.

Telefonzelle
Anzeigenverkauf völlig jenseits der Kleiderordnung mit regennasser Hose, den Poncho unterm Arm und rein zum Kunden. Vermutlich war er den örtlichen Unternehmern etwas suspekt, dieser Langhaarige mit seiner Zeitung. Eindeutig war: „Der will `was. Und: Der zieht durch.“ Immer präsent auf Märkten, Weihnachtsmärkten und den selbst organisierten Flohmärkten. Monatlich, weil ja noch Kraftreserve zu verheizen war. Was technisch etwas skurril begann, wandelte sich mit der Zeit. Schrittweise kam der Fortschritt. In der Everinghauser Telefonzelle wurde verkauft, interviewt und verhandelt. Im Sommer immer genervte Camper, die auch mal dran wollten und Randale machten. Der erste Computer und die Dramen von ‚Versuch und Irrtum‘ und Lernen am lebenden Objekt ohne jegliche Vorerfahrung. Jahrelang Sieben-Tage-Woche und täglich zehn Stunden. Aufgrund eines Bastelkumpels waren wir noch vor dem Wettbewerb im Internet. Wer spät aufrüstet, hat aktuelles Material. Heute sind wir auf dem neuesten Stand der Technik, bezahltes Personal, Azubis, realitätsnahe Arbeitszeiten.

240 Ideen in Reserve
Der Spruch hat sich bewahrheitet: „Fünf Minuten Idee, ein Leben lang Arbeit.“ Unverwüstlich stehen sie da: der Torfkurier, der Torfkurier Verlag und seit Anfang 2013 auch die Torfkurier Agentur. Ja, es macht noch immer Spaß. Ja, uns fallen noch Themen ein. Rund 240 Stück stehen inklusive Recherchenotizen in der Vorplanung. Genug Material für die nächsten 20 Jahre. Es gibt permanent etwas zu lernen. Und wir sind uns und Ihnen im Wandel treu geblieben. Ob meine Kinder weitermachen oder ein anderer junger Wilder, werden Sie rechtzeitig merken. September 2018 können Sie sich schon für die große Party zum 25-Jährigen notieren. Wir melden uns rechtzeitig.